Laudatio von Dr. Eberhard Haas, Präsident der BRAK von 1991 bis 1999

Verleihung des Karikaturpreises der deutschen Anwaltschaft an Ronald Searle am 08.10.1998 in Potsdam

Sehr geehrte Frau Searle,
sehr geehrter Herr Searle,

ich weiß, dass Sie lange Lobeshymnen auf sich nicht schätzen. Wie könnte dies bei einem Karikaturisten, der gerade die menschlichen Eitelkeiten so feinsinnig und liebevoll zu entlarven versteht, auch anders sein. Dennoch müssen Sie mir einige wenige Worte erlauben.

Zunächst möchte ich Sie begrüßen und Ihnen dafür danken, dass Sie den weiten Weg aus dem klimatisch sehr viel angenehmeren Süden Frankreichs nach Berlin und nach Potsdam zusammen mit Ihrer Ehefrau gefunden haben, um den Karikaturpreis der Deutschen Anwaltschaft persönlich entgegen zu nehmen. [Auch die Drohung, über 200 Siebdrucke und 50 Kataloge handsignieren, also auch noch körperliche Arbeit verrichten zu müssen, hat Sie nicht davor zurückschrecken lassen, hierher zu kommen.]

Karikaturen spiegeln augenfälliger als andere Kunstarten den politischen und kulturellen Zustand einer Gesellschaft wider. Unermüdlich zeigen satirische Künstler politische und gesellschaftliche Missstände, Unrecht und Ignoranz oder auch nur menschliche Schwächen oder Torheiten auf. So wird auch der Karikaturist häufig zum Anwalt der Benachteiligten und Schwachen. Mit seinen Waffen, nämlich Spott und Humor, Witz und Ironie, Sarkasmus und Zynismus, trifft er dabei zumeist zielsicherer als manches gesprochene Wort.

„Der Karikaturist ist von Natur aus Skeptiker. Er glaubt nicht so ohne weiteres an das, was er sieht. Er misstraut den Dingen. Mit seiner Zeichenfeder kratzt er an ihre Oberfläche, neugierig zu erkennen, was wohl darunter zum Vorschein kommt“, sagt der Kunstwissenschaftler Wieland Schmied.

Dies sind Eigenschaften, die im besten Falle auch den Rechtsanwalt auszeichnen sollten. Auch und gerade als Vertreter parteilicher Interessen benötigt er diese Skepsis, um die Distanz zu seinem Mandanten und zur Sache zu wahren. Insofern dürfen wir uns Ihnen etwas verbunden fühlen. Als überzeugter Bremer fühle ich mich Ihnen noch in einer weiteren Hinsicht verbunden. Denn 1965 wurde die allererste Searle-Retrospektive im Kunstverein Bremen gezeigt.

Die Bundesrechtsanwaltskammer hat im vergangenen Jahr den „Karikaturpreis der Deutschen Anwaltschaft“ gestiftet, um herausragende Leistungen auf dem Gebiet der satirischen Kunst auszuzeichnen. Die Jury hat sich zum Erstaunen des Präsidiums sehr schnell und einstimmig für Sie, Herr Searle, als ersten Preisträger entschieden, um damit nicht ein einzelnes Werk, sondern Ihr Lebenswerk zu würdigen. An dieser Stelle möchte ich einem Mitglied der Jury, nämlich Frau Vetter-Liebenow besonders danken, ohne die es wohl nicht gelungen wäre, Sie nach Berlin zu führen und zu einem Empfang im größeren Kreis zu überreden.

Eine Quintessenz Ihres Lebenswerkes, nämlich die Erkenntnis, dass alle Freiheit im Kopf beginnt, d.h. die gedankliche Freiheit voraussetzt, haben Sie in unnachahmlicher Weise in der Zeichnung zum Ausdruck gebracht, die wir erwerben konnten und die hier ausgestellt ist. Sie haben einmal gesagt: „Wer den Abenteuergeist oder seine Neugier auf die Dinge eingebüßt hat, ist nichts als ein technischer Zeichner.“ Wenn man sich diese Zeichnung ansieht, dann kann man sich sicher sein, dass Ihnen Abenteuergeist und Neugier in höchstem Maß erhalten geblieben sind und man darf auf die Kraft Ihrer Feder weiterhin gespannt sein.

Mit diesen Worten möchte ich Sie als erster Preisträger des Karikaturpreises der Deutschen Anwaltschaft auszeichnen. Indem wir Sie ehren, ehren Sie uns.

 
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