Grußwort von Prof. Dr. Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts

Grußwort zur Verleihung des Karikaturenpreises der Bundesrechtsanwaltskammer an Marie Marcks

Wer, wenn nicht Marie Marcks hat den Karikaturpreis der Bundesrechtsanwaltskammer verdient. Denn kaum ein anderer der zeitgenössischen Karikaturisten hat den kollektiven Autismus der Juristen mit einigen eleganten Federstrichen so trefflich auf das Papier gebracht wie sie. Da werfen in einer der Karikaturen Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte einander Paragraphen an den Kopf, ohne Rücksicht auf die von Ihrem Disput betroffenen Menschen; seien es Kläger, Angeklagte oder Mandanten.

Marie Marcks ist ein Genie der Ironie. Karikatur und Sprechblase sind ihr Metier. In einer über die Jahrzehnte hinweg unverwechselbaren Handschrift hat sie Alltagsszenen feinnervig und witzig karikatiert. Ihr Sujet ist grenzenlos, Ihre Themen reichen von Vater-Mutter-Kind bis in die große Politik. Auch die Dritte Gewalt, Justitia, darf sich ihrer kritischen Aufmerksamkeit gewiss sein. Gemeinsam mit Rolf Lamprecht hat sie in der Reihe „klipp und klar“ den Band 100 x Bürgerrecht herausgebracht. Diese Reihe will Laien über rechtliche Fragen und Lösungen unterrichten. Das Buch ist, illustriert durch witzige Karikaturen von Marie Marcks eine gleichermaßen anschauliche wie intellektuell vergnügliche Einführung in das Recht. Es leistet Rechtskritik und Gesellschaftskritik in einem. Ich fürchte, dass dieser im Jahre 1979 erschienene Band längst vergriffen ist Wer noch seiner habhaft werden kann, sollte ihn anschaffen, denn diese Lektüre bietet eine fabelhafte Vorlage für die Selbstkritik von Juristen und Juristinnen.

Marie Marcks ist aber auch eine Moralistin. Gemeint ist eine Staatsbürgerin, die sich stets herausgefordert weiß, das Gute vom Schlechten, das Richtige vorn Falschen zu scheiden. Sie macht sich nicht nur schlicht lustig über Dummheit, Selbstgerechtigkeit und Egoismus. Stets weist sie zugleich darauf hin, dass unser Gemeinwesen verkommt, wenn wir Meinungsfreude, Verantwortungssinn und Wehrbereitschaft gegenüber den Feinden unserer Demokratie vermissen lassen. Sie denunziert, dass wir in der Theorie ungemein egalitär und multikulturell denken. Aber wird es für uns persönlich praktisch, verfahren wir gern nach dem Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“ Das wird mit der Karikatur des empörten Vaters illustriert, der der Lehrerin in einer multikulturell zusammengesetzten Klasse entgegenhält: „Ich bin durchaus für Integration! Aber nicht mit meinen Kindern.“

Die Redensart von der „großen alten Dame der Satire“ darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass Marie Marcks nicht immer auf offene Augen gestoßen ist. Zwar war ihr und ist ihr die öffentliche Aufmerksamkeit immer gewiss: Ihre Arbeiten sind in über 60 Einzelausstellungen gezeigt worden. Sie hat viele Bücher veröffentlicht, Plakate und Zeichentrickfilme hergestellt und sensibel für das jeweilige Fachgebiet Bücher illustriert. Sie ist durch Gastprofessuren an internationalen Sommerakademien geehrt worden. Und wir alle wissen, dass sie immer wieder durch ihre Karikaturen in den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften uns Lebenszeichen ihres Schaffens gibt. Sie genießt eine einzigartige Popularität. Gleichwohl hat manche Selbstzensur der Presse Karikaturen von ihr abgewehrt, die - offenbar allzu pointiert - Vorurteile der Herren denunzierten. Viele von ihnen mussten lernen, dass sich auch eine Frau der Waffe der Ironie mit Meisterschaft zu bedienen weiß.

Sie ehren in ihr heute nicht nur die große Künstlerin und humanistische Streiterin. Das Besondere an ihr ist das Einverständnis von Person und Werk, die Gleichsinnigkeit im Handeln, Denken und Gestalten. Sie hat aus eigener Betroffenheit unsere Alltagswelt glossiert. Darum gibt es in ihren Karikaturen auch keinen falschen Strich oder Ton. Ihr hat ihr ganzes Leben lang noch niemand Sensibilität verordnen müssen. Denn sie wusste und weiß aufgrund eigener Erfahrung, was es bedeutet, auf sich gestellt, gesellschaftlich ausgegrenzt und benachteiligt, in seiner Enthaltungsfreiheit bedroht oder einfach nicht erhört zu werden.

Leider kann ich an der Verleihung des heutigen Karikaturpreises der Bundesrechtsanwaltskammer an Marie Marcks nicht teilnehmen. Darum darf ich ihr schriftlich auf das herzlichste zu diesem angesehenen Preis gratulieren.

 
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