Rede von Andreas Platthaus, Journalist und Autor anlässlich der Verleihung des 7. Karikaturpreises an Gerald Scarfe

Dear Gerald Scarfe, sehr geehrter Herr Dr. Stadler, liebe Frau Vetter-Liebenow, sehr geehrter Herr Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer, verehrte Gäste, meine sehr verehrten Damen und Herren Anwälte,

ich bin in diesem Gebäude beruflich zu Hause, aber natürlich gehört es sich für mich als eine Art Gastgeber, Ihnen das Terrain so heimisch wie möglich zu machen. Darum soll mein erstes Bild Sie gleich in einem Gerichtssaal entführen, in die Pariser Cour d’Assises vom 14. November 1831, wo gerade ein fünfundzwanzigjähriger Publizist wegen Majestätsbeleidigung angeklagt ist. Die Majestät, das ist der erst seit einem Jahr regierende Bürgerkönig Louis-Philippe von Orléans; der Angeklagte, das ist Charles Philipon, seines Zeichens Herausgeber einer zufälligerweise gleichfalls seit einem Jahr jeweils am Donnerstag erscheinenden Satirezeitschrift namens „La Caricature“. Sie sehen, wir sind sofort bei der Sache.

Dabei ist Philipon gar kein ausgewiesener Karikaturist, er ist Buntpapiermacher, ein Handwerker also, aber einer mit politischem Interesse und grenzenloser Spottlust. In seinem Blatt hat ein Zeichner ein Zerrbild von Louis-Philippe veröffentlicht, und deshalb steht nun der Herausgeber vor Gericht. Es stellt sich die Frage: Was darf Karikatur? Philipon führt es den Geschworenen und dem Richter so vor: Er zeichnet vier Birnen. Die erste sieht aus wie der König, die zweite schon etwas weni-ger, dafür wird sie birnenförmiger. Die dritte verstärkt diese Wandlung, die vierte ist nahezu ganz Birne. Und Philipon erklärt: Ein karikierter Mensch könne nur durch Ähnlichkeit mit dem lebenden Vorbild erkannt werden. Die letzte, eher realistische Birne sei der dritten ähnlich, diese der zweiten und die wiederum Louis-Philippe. Also müsse man ja wohl in jeder Birne der Welt eine Verhöhnung des Monarchen sehen.

Und genau so geschah es. Philipon verlor zwar den Prozess, aber das Bild von der Birne Louis-Philippe prägte sich ein. So viele Klagen konnte der König gar nicht führen, wie die Pariser fortan auf den Märkten über ihn lachten. Der Mann auf dem Thron hatte seinen Spitznamen weg, und Philipon ließ seine vier Gerichtszeichnungen in Holz schneiden und gleich nach dem Urteilsspruch veröffentlichen. Das brachte ihm eine neue Anklage ein, aber er druckte weiter und weiter, und die Sittenwächter klagten und klagten, und hier haben wir schließlich einen Bogen, der noch 1833 verkauft wurde, also zwei Jahre später, um eine Strafe von 6000 Francs zu bezahlen, die Philipon diesmal für sein mittlerweile zweites Magazin auferlegt worden war, den bald noch berühmteren „Charivari“.

Warum zeige ich diese fürwahr kleinste Münze der Karikaturengeschichte, wenn es darum geht, einen ganz Großen dieses Fachs zu ehren? Was hat Gerald Scarfe mit den Birnen des Philipon zu tun? Nun, er zeichnete am 13. Oktober 1974 in der „Sunday Times“ anlässlich der damaligen britischen Parlamentswahlen ein Doppelporträt – oder besser gesagt: ein doppeltes Sechsfachporträt –, das klar auf Philipons berühmtes Vorbild anspielte. Zuerst wird dem ehemaligen konservativen Premierminister Edward Heath die Luft herausgelassen, und dann bläht sich der Sieger der Wahlen, Heaths Nachfolger Harold Wilson von der Labour Party, kräftig auf. Schonend geht Gerald Scarfe mit keinem von beiden um. Und das Ende des Höhenflugs, den der aufgeblasene, gesichtslose Wilson antritt, kündigt sich schon durch eine Reißzwecke mit der Aufschrift „Crisis“ an. Es ist immer noch eine der größten kindlichen Vergnügungen, einen Ballon platzen zu lassen, auch für einen gestandenen Karikaturisten von damals immerhin schon achtunddreißig Jahren.

Solche Bosheiten sind erfreulicherweise nicht mehr justiziabel. Majestätsbeleidigung gibt es in einer Republik wie der unseren ohnehin nicht, und Gerald Scarfe hatte schon in den sechziger Jahren mit dem britischen Tabu gebrochen, die Queen zu karikieren. Vor den Kadi kam er nicht. Das ist beinahe schade, denn die Justiz hat aus den Karikaturisten immer das Beste, sprich: Geistvollste, hervorgekitzelt. Gehen wir noch einmal zurück in die Zeit des französischen Bürgerkönigs. 1834 war es mal wieder so weit: Der „Charivari“ des rastlos publizierenden Philipon wurde verurteilt, einen gerade ergangenen neuen Richtspruch der Cour d’Assises, dass der Monarch nicht als Birne veralbert werden dürfe, auf der Titelseite abzudrucken. Das Blatt tat es in der Ausgabe vom 27. Februar in folgender Form: ein Triumph des Witzes, der noch einmal dokumentiert, wie vernichtend Karikatur wirken kann. Louis-Philippes Beamte waren chancenlos, denn in jeder Birne sah man den König. Das wusste auch schon der größte Karikaturist des neunzehnten Jahrhunderts, Honoré Daumier, der im „Charivari“ seine Karriere begann. In einer seiner ersten Arbeiten umging er das Verbot, den König als Birne darzustellen, indem er ein ganz naturalistisches Stück Obst zeichnete, das von drei ächzenden Untertanen mit dem mehrfachen Ruf „Hau-ruck“ emporgehievt und oben gehalten wird. Honi soit qui mal y pense.

Doch nun noch viel weiter zurück, bis zur frühesten Karikatur, die uns bislang bekannt ist, einer Steinritzzeichnung auf dem römischen Palatin, angefertigt um 125 nach Christus. Die Inschrift besagt: „Alexamenos verehrt seinen Gott“, und man sieht, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Kurt Westergaard, der erst vor zwei Wochen hier in der Nähe, in Potsdam, von der Bundeskanzlerin geehrt wurde, ist berühmt geworden durch seine gezeichnete Religionskritik. Den Urheber dieser Skizze hier kennt keiner mehr, aber der Name des frühen Christen Alexamenos, der verspottet wird, ist nun bewahrt in alle Ewigkeit. Satire mag lächerlich machen, aber sie macht auch unsterblich. Das könnten sich doch auch einmal die muslimischen Fanatiker vor Augen führen, die Westergaard nach dem Leben trachten.

Was an der römischen Karikatur interessant ist, liegt indes im Antlitz des Gekreuzigten: Es ist ein Esel. Die Gleichsetzung von Menschen mit mehr oder minder verachteten Tieren erweist sich somit als die älteste aller Karikaturtraditionen neben der Religionskritik. Sie pflegt auch Gerald Scarfe, wenn er die Vertreter meines Berufsstands, der Presse, als eine Tierart zeichnet, deren Ruf, was Reinlichkeit angeht, eindeutig negativ ist. Doch das eigentliche Ziel dieser 2003 angefertigten, also postumen Verspottung, ist Prinzessin Diana: „Live by the sword, Di by the sword“ lautet der wunderschön wortspielende Titel dieses Blattes, das für eine Scarfe-Ausstellung in der Londoner National Portrait Gallery gezeichnet wurde. Die Schau erregte einiges Aufsehen und einigen Ärger. Dabei hatte sich Scarfe sogar verkniffen, dort ein anderes Bild zu präsentieren, das gleichfalls zeigte, wie Lady Di unter die Presse geraten war – in durchaus doppeldeutigem Sinne. Ich verzichte aus Rücksicht auf die bekanntermaßen empfindlichen Gemüter des Juristenstandes darauf, das Bild hier zu zeigen.

Makellosigkeit, sei es moralische oder ästhetische, darf man von Karikatur aber niemals erwarten. Die schöne heile Welt ist gerade das Feindbild der Karikaturisten, denen der Italiener Pierleone Ghezzi im frühen achtzehnten Jahrhundert ihr Motto gab, als er die Sammelbände, in die er seine Karikaturen einklebte – darunter auch diese eines Unbekannten –, „il mondo nuovo“ (die Neue Welt) nannte. Hübsch ist diese andere Welt nicht, wie man sieht. Wobei es hier ja noch züchtig zugeht, wenn man die Zeichnung mit einer vergleicht, die einige Jahrzehnte vorher entstanden ist. Gianlorenzo Bernini präsentiert uns da einen Feldhauptmann, und sein Sohn, Domenico Bernini, beschreibt das Prinzip der Karikaturen des Vaters so: „Ohne seinem Vorbild die Ähnlichkeit zu nehmen, gab er es auf dem Papier sehr ähnlich und seinem innersten Wesen entsprechend wieder, obwohl man sah, dass er einen Teil bemerkenswert verändert und übertrieben hatte.“ Man ist versucht zu sagen, es handelte sich dabei ausgerechnet um das beste Teil des Hauptmanns.

Im Vergleich mit Garald Scarfe war Bernini aber noch dezent. Hier sehen wir eine Karikatur von 1967 aus dem „New Statesman“. Scarfe erinnert sich, dass dessen Herausgeber ihm den Vorwurf gemacht habe, er wolle damit die Darstellung eines männlichen Geschlechtsorgans einschmuggeln – ein Vorwurf, den der Zeichner seinerzeit vehement zurückgewiesen haben will. Für die Jüngeren unter uns: Bei dem Karikierten handelt es sich um Konrad Adenauer.

Die Ersetzung der Nase eines Mannes durch das Genital hat gleichfalls Tradition. Es sei nur jene Vorzeichnung angeführt, die kein Geringerer als Goya 1799 für seine Radierung „Estan calientes“ aus der Serie „Caprichos“ angefertigt hat. Und bereits vor Adenauer mussten sich andere Mächtige auf eine Weise veralbern lassen, die geradewegs unter die Gürtellinie ging. Nehmen wir das erste Blatt von Picassos 1937 als Aquatinta radierten „Traum und Lüge Francos“. Der zukünftige Diktator wird da nach allen Regeln der burlesken Zote lächerlich gemacht. Gut, dass Picasso da längst in Paris lebte. Das hätte die Karikatur im Spanien des Bürgerkriegs gewiss nicht gedurft.

An Picassos Auflösung der menschlichen Form wiederum hat sich Scarfe bisweilen orientiert und dabei ausloten müssen, was sich ein Karikaturist erlauben darf. Diese Zeichnung eines Mannes und einer Frau, die fürwahr kein Cranachsches Ide-lbildnis mehr sein wollen, wurde 1963 vom „Observer“ abgelehnt, weil man derartige Deformationen samt aufgeschlitzter Bäuche und Häupter den Lesern nicht zumuten mochte. Das nahm damals der Kunstkritiker John Berger, einer der profiliertesten Redakteure des „Observer“, aber auch ein Bewunderer der Karikaturen von Scarfe, zum Anlass zu kündigen. Wenn Karikatur auch nicht alles darf, darf sich eine Zeitung auch nicht alles im Umgang mit Karikaturisten erlauben.
Wir sind nun erstmals bei der Präsentation nackter weiblicher Körper in der Kari-atur angekommen, und das ist tatsächlich ein seltener Fall, denn im patriarchalischen Gesellschaftsgefüge der Moderne müssen Frauen immerhin weniger fürchten, karikiert zu werden. Umso boshafter geschieht es bisweilen, wie hier aus der Feder Tomi Ungerers für seine Bildserie „The Party“, die 1966 die bornierte amerikanische Oberschicht porträtierte. Aber das ist beinahe noch liebevoll gestaltet, wenn man sieht, wie Gerald Scarfe seine Lieblingsfeindin Margaret Thatcher abbildet. Ich habe eine Karikatur von 1997 gewählt, also lange nach ihrem Abtritt als britische Premierministerin gezeichnet, doch an Schärfe hat Scarfes Blick auf die Eiserne Lady nichts verloren. An den dürren Brüsten nährt sie immer noch ihre Tory-Nachfolger an der Parteispitze, William Hague und John Major. Solch eine drastische Karikatur wäre in Deutschland heute unmöglich; eine Zeitung, die sie abdruckte, käme zweifellos zumindest vor den Presserat. In England, wo nicht dieselben Empfindlichkeiten bestehen, wie wir sie angesichts der publizistischen Exzesse des Nationalsozialismus entwickelt haben, wird von den Karikaturisten hart ausgeteilt. Die Linie zur ersten Jahrhunderthälfte mit ihrem erbarmungslosen ideologischen Kampf ist zumindest in der britischen Bildsatire noch ungebrochen.

Karikatur wird etymologisch zurückgeführt auf den italienischen Begriff „caricare“: „überladen“, im Sinne von Überzeichnen. Man versteht es angesichts von Margaret Thatchers Darstellung durch Scarfe sofort. Und noch besser, wenn man sich eine der berühmten Nixon-Karikaturen von Gerald Scarfe aus der „Sunday Times“ zur Zeit der Watergate-Affäre anschaut, in der sich das Gesicht des porträtierten Präsidenten wie in Verwesung zu befinden scheint. Es ist veritabler Ekel, der hier zum Ausdruck kommt – auch das etwas, was man sich in Deutschland nur schwer erlauben könnte. Dadurch entgeht uns aber die beispiellose graphische Leistung, die in Scarfes Nixon-Bildern steckt: Dort, wo die Karikatur mehr darf, können erkennbar auch die Karikaturisten viel mehr.

Zum Vergleich möchte ich eine Karikatur aus dem „Dritten Reich“ heranziehen, und um nicht frivol zu wirken, wähle ich eine von Erich Ohser alias e.o.plauen, der später im Gefängnis Selbstmord begehen sollte, ehe der Volksgerichtshof ihn wegen Defätismus zum Tode verurteilen konnte. Ohser, in der Weimarer Republik einer der schärfsten Hitler-Kritiker unter den deutschen Karikaturisten, zeichnete von 1940 an für die von Goebbels als Renommierprojekt gegründete Wochenzeitung „Das Reich“. Darf Karikatur das – für die Nazis zeichnen? Sie musste es, und Ohser war dabei – man muss es leider sagen – brillant. Dies hier ist eine Karikatur aus dem Jahr 1942; sie zeigt den sowjetischen Außenminister Molotow, also einen hohen Repräsentanten des Kriegsgegners. Aus seinem Haupt entspringen Schlangenköpfe, die die angeblich selbständigen Sowjetrepubliken verkörpern, die aus Ohsers Sicht alle dasselbe Gift versprühen wie der diabolisch-monströse Molotow selbst. Aber wenn wir uns eine Zeichnung von Gerald Scarfe ansehen, die er am 30. August 1968 nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes in der britischen Satirezeitschrift „Private Eye“ veröffentlicht hat, dann sehen wir in der dämonischen Charakterisierung von Stalin, Gromyko und Breschnew dieselben ästhetischen Mittel der Karikatur am Werk wie bei Erich Ohser. Auch wenn wir es nur ungern wahrnehmen dürften: Große Künstler auf diesem Feld entwickeln gern ähnliche Bildlösungen, wenn es um die Abrechnung mit Gegnern geht – egal, in welchem Gesellschaftssystem.

Wobei nicht gesagt sein muss, dass virtuose Zeichner mit derselben kulturellen Sozialisation auch zu identischen Mitteln greifen; man sehe sich nur die Zeichnungen an, die eines der großen Vorbilder von Gerald Scarfe, sein Landsmann Ronald Searle, 1961 während des Eichmann-Prozesses in Jerusalem gemacht hat. Searle besuchte das Ereignis allerdings als zeichnender Reporter, nicht als Karikaturist, doch wir werden noch sehen, dass Scarfe bei ähnlichen Aufträgen trotzdem seiner Liebe zum Drastischen freien Lauf gelassen hat. Das macht sein Werk aber auch unverwechselbar und grandios. Parteilichkeit ist bei Karikaturisten durchaus eine Tugend – wobei damit nicht Parteiparteilichkeit gemeint ist, sondern Kompromisslosigkeit beim Beharren auf den eigenen Blick auf die Welt, jenes „mondo nuovo“, der so gar nichts mit der schöngemalten Pseudorealität zu tun hat, die wir sonst vorgestellt bekommen.

Dabei knüpft Scarfe an den schon erwähnten Urvater der modernen Karikatur, an den Franzosen Honoré Daumier an, der im Alter immer bitterer, aber auch unbestechlicher in seiner Kritik wurde. Dieses Blatt, betitelt als „Der Traum des Erfinders des Zündnadelgewehres“, publizierte er 1866 unter dem Eindruck der neuen vernichtenden Waffentechnik der preußischen Armee, die sich im Krieg gegen Österreich gezeigt hatte. Der grotesk grinsende Waffenschmied, der sich über die Leichenberge auf dem Schlachtfeld freut, nimmt die Physiognomie des berühmtesten und diabo-lischsten aller Comicschurken vorweg: des Jokers aus den Batman-Geschichten. Die Karikatur denkt unsere Zukunft vorweg, auch gestalterisch. Keine schönen Aussichten.

Am Beginn seiner Karriere machte Gerald Scarfe noch die Erfahrung, dass solche Drastik unerwünscht war. Selbst ein Magazin wie der berühmte „Punch“ war sich in den frühen sechziger Jahren zu fein, um ein Titelbild zu drucken, dem man den körperlichen Schmerz ansieht. In Amerika war man da seinerzeit weniger zimperlich. Als Scarfe für den „Esquire“ 1964 hierher kam, ins damals frisch abgeteilte Berlin kurz nach dem Mauerbau, konnte er in dem amerikanischen Magazin eine Zeichnung unterbringen, die die Situation in der gespaltenen Stadt aufs Unerfreulichste wörtlich nahm. Damit griff Scarfe ein Vorbild auf, das wir auch schon einmal genannt haben: Goya, der in seinen seit 1810 publizierten „Desastres de la guerra“ ein besonders schreckliches Blatt mit „Was kann man noch tun?“ betitelt hat. Auch darauf wird ein nackter Mensch zweigeteilt, bestialisch zerrissen vom Krieg – ob heißer oder kalter Krieg, ist dabei gleichgültig.

Im neunzehnten Jahrhundert gab es aber auch niedliche Formen der Karikatur, vor allem in Deutschland. Dieses Einzelmotiv aus einer Bildergeschichte, die als „Freuden und Leiden der Frösche“ vor etwas mehr als hundertdreißig Jahren in den Sulzbacher Kalendern erschienen ist, setzt aber gleichwohl die Animalisierung von menschlichen Verhaltensweisen fort, deren Beginn wir bis nach Rom zurückverfolgen konnten. Bei Scarfe ist dann alle Possierlichkeit wieder verschwunden, wenn er, wie hier in „Onward, christian soldiers“ aus dem Jahr 2003, George W. Bush und Tony Blair als Affe und Pudel einer Armee von Särgen in den Iran voranziehen lässt. Wieder ist das ein Motiv, das in Deutschland undenkbar wäre – nicht der Boshaftigkeit wegen, sondern weil die Gleichsetzung von Menschen mit Tieren hierzulande die schlimmsten Assoziationen weckt. Umso bemerkenswerter ist es, dass Sie als Deutsche Anwaltschaft einem Künstler Ihren Karikaturenpreis zugesprochen haben, der etwas leistet, was er hierzulande gar nicht dürfte. Denn Lachen, selbst boshaftes oder schadenfrohes, ist immer noch eine vergleichsweise harmlose Waffe – und da-mit eine humane. Toleranz, auch gegenüber drastischen Formen von Humor, ist eine Zivilisierungsleistung. Was darf also Karikatur? Sie darf vor allem nicht aufgeben. Dass sie es nicht tut, dazu tragen Sie mit Ihrer Preisverleihung entscheidend mit bei. Danke für diese Toleranz und diesen Mut.

 
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