Laudatio Dr. Franziska Augstein

Plädoyers einer streitbaren Kunst

1001 Arten gibt es, wie man anheben kann, Hans Traxler zu preisen. Ich beginne mit einer kleinen Beobachtung: Hans und Inge Traxler und ich: Wir waren zusammen in den Ferien, am blauen, blauen Mittelmeer. Dort haben wir in einer Bucht gebadet. Hans kennt das Mittelmeer sehr gut – einen Küstenabschnitt davon hat er sogar in seinem Bilderbuch „Paula, die Leuchtgans“ verewigt (BILD). Aber in dieser einen Bucht, wo wir badeten – dort war er noch nie gewesen. Damit er nicht in Seeigel trete, hatte ich ihm empfohlen, Schwimmschuhe anzuziehen. Das hat er auch getan. Aber eines Tags kam er vom Baden zurück und hatte einen Schuh im Meer verloren. Ich machte mich also anheischig, den Schuh zu suchen. Das war von mir nett gemeint, aber völlig leichtsinnig dahingesagt. Vieles ist in dieser Bucht schon versunken, und nie haben wir es wiedergefunden. Inklusive eines Betonblockes, an dem eine Boje für ein Schlauchboot hätte festgemacht werden sollen.

Mit Hans war das anders: Ich stieg ins Meer, mit Taucherbrille und Flossen versehen. Hans stand am Ufer und dirigierte mich. Nachdem ich etwa sechzig Meter weit geschwommen war, rief er „Halt! Etwas weiter rechts! ... Noch ein bisschen weiter rechts!“ Und siehe: Da lag der Schwimmschuh, nicht sehr tief, leicht zu holen. Von dieser Episode bin ich jetzt, in diesem Moment, noch so beeindruckt, als wenn sie sich gestern abgespielt hätte. Ein Mann, der auf eine recht große Entfernung hin, eine Stelle im bewegten Meer bezeichnen kann, die er nur kennt, weil er sich eine halbe Stunde zuvor dort zusammen mit den Wellen bewegt hat, der muss einen ungeheuer guten Sinn haben für Distanzen und Maße aller Art, kurz: für Proportionen. Hans, es war nützlich, dass du seit Jahrzehnten ein großer Künstler bist: Das hat die Rettung deines Schwimmschuhs ermöglicht.

Fast seitdem er denken kann, hatte Hans Traxler Zeichner werden wollen. Deshalb ging er, nachdem der Zweite Weltkrieg zu Ende war, in Regensburg bei einem Akademieprofessor in die Lehre. Akademisch wollte er nicht zeichnen und hat sich nach der, wie er sagte, „strengen Observanz“ „rechtzeitig verabschiedet“. Das, was man so Rüstzeug nennt, hat er aber mitbekommen: (BILD). Wenn ich mich nicht täusche, ist diese Zeichnung hier in einem Moment entstanden – „aufs Papier geworfen“, wie man sagt. Und sie ist wunderschön. Hans Traxler wollte aber immer mehr, als nur nach der Natur zeichnen. Er will, ja was? Er will die Welt in Nuce zusammenfassen. In all ihrer Schrulligkeit will er sie darstellen. Er will mit möglichst wenigen Linien möglichst viel erzählen. Das wollen alle Karikaturisten. Hans Traxler hat aber nichts übrig für Zeichner, die das Handwerk nicht beherrschen. Man darf verfremden, man darf überzeichnen. Aber die Proportionen müssen stimmen! Siehe hier zum Beispiel ein Porträt Helmut Kohls von Hans Traxler aus dem Jahr 1988. (BILD)

Hans Traxler mag seine berühmten Kohl-Porträts nicht mehr, die er Ende der 70er und in den 80er Jahren zeichnete. Sie haben ihre Aufgabe erfüllt und – wie Heribert Prantl einmal gesagt hat – Kohl zu einem echten Staatsmann erzogen. Deshalb zeige ich Ihnen hier – mit Rücksicht auf den Preisträger - den Altbundeskanzler auch nur…….von hinten.

Anfang der 50er Jahre hatte Hans Traxler dann übrigens auch noch an der Frankfurter Städelschule bei dem großen Lehrer Georg Meistermann „freie Malerei“ studiert. Maler konnte er damals aber nicht werden, weil die Deutschen, abgeschreckt vom nationalsozialistischen Realismus, die Freiheit in der Abstraktion suchten. Und das interessierte Traxler nicht. Wie man hier deutlich sehen kann: (BILD): Der Maler spricht: „Letztes Jahr hab ich’s OZONLOCH I genannt, da wollte es keiner kaufen. Dies Jahr nenn ich’s DER LEIDENSWEG DER KURDEN. Haltet mir den Daumen.“

Also, wir haben es mit einem Künstler zu tun, der die Welt zeigen will. Die Welt, in der er lebt – und nicht seine eigenen in farbige Flächen und Streifen und Punkte übersetzten Gefühle. Wie er aber die Welt zeigt und gezeigt hat, das hat am Ende doch einiges mit seiner Herkunft zu tun.

Hans Traxler stammt aus Böhmen. Er wuchs in einem Dorf heran, das sein Biograph Oliver Maria Schmitt so geschildert hat: „Im Dorf ein Auto, eine Zwergschule, ein Gendarm“ – Hansens Vater. Als der heute große Traxler ganz klein war, waren Gänse und kleine Kinder einander ebenbürtig. Hunde und Kinder. Hühner und Kinder. Wenn Sie Traxlers Zeichnungen aufmerksam durchsehen, werden Sie nur wenige finden, auf denen nicht mindestens ein Tier zu sehen ist. Hier zum Beispiel sehen wir den Herrn Löhlein und seine Katze(Bild): „Herrn Löhleins Katze hat einen starken Charakter“.

Hans Traxler braucht die Tierwelt, um zu zeigen, wie menschlich die Menschen sind bzw. sein können. Außerdem haben alle Tiere in der Tat einen starken Charakter, zumindest für einen Zeichner wie Hans Traxler, der die Tiere sprechen lässt, auch wenn sie – was bei ihm selten vorkommt – gar nicht reden. Hans Traxler kann mit wenigen Linien ganz unterschiedliche Empfindungen darstellen: Pfoten, Tatzen, Schnurrbarthaare und Schnäbel, die Art, wie die Tiere sitzen oder auch nur den Kopf halten: Alles ist beredt. Hier sehen Sie das Bundesverfassungsgericht, wie es über den Euro-Rettungsschirm urteilt….. (BILD).

….Nein, nicht ganz. Das vollständige Bild sieht so aus. (Bild). Traxler kommentiert: „Noch lange, nachdem Gevatter Dachs das Todesurteil verlesen hat, hielt Rally-Fahrer Günter das Ganze für einen bösen Traum.“

Die hier gezeigte Geschichte geht übrigens auf eine wahre Begebenheit zurück: Vor einigen Jahrzehnten ist Traxler mit Freunden einmal im Auto nach Spanien gefahren. Dortselbst kamen sie in eine Ortschaft und fuhren aus Versehen ein Huhn zu Tode. Die Dorfbewohner stellten sie zur Rede. Die Geschichte spielte sich ab lange vor der Zeit, als Pensionen und Gaststätten Schilder aushängten: „Wir sprech deutsch“. In Spanien sprach man damals Spanisch. Aber Traxler und seine Freunde sprachen nicht Spanisch. Und die Dorfbewohner waren wütend. Was also tun? Hans Traxler zog seinen Zeichenblock hervor und zeichnete in Windeseile, wie der Unfall sich begeben hatte: Wie sie die Straße entlang gefahren kamen, wie plötzlich aus heiterem Himmel das Huhn ihre Bahn kreuzte. Wie sie nicht mehr hatten bremsen können. Die Dorfbewohner waren’s zufrieden und ließen die Touristen weiterfahren.

Diese Geschichte erzähle ich Ihnen nicht nur, um zu zeigen, was Hans Traxler alles kann. Als er jung war, hat er übrigens unter fünf Namen in fünf verschiedenartigen Stilen Kurzgeschichten gezeichnet, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Nein, diese Geschichte erzähle ich Ihnen auch, um anzudeuten, was für ein liebenswürdiger Mensch er ist. Liebenswürdig, weil er seine Umgebung wahrnimmt. Er sieht und versteht, wie andere Menschen empfinden. Täte er es nicht – und damit sind wir wieder bei seiner Kunst – er wäre nicht der Zeichner, der er ist.

Einige Sorten Menschen gibt es allerdings, da hört bei ihm der Spaß auf, genauer gesagt, da fängt der Humor an: Für bigotte, selbstgerechte, anmaßende Maulhelden, neureiche oder autoritäre Besserwisser hat Traxler nichts übrig.

Ein prägendes, seine Weltsicht veränderndes Erlebnis mit den Autoritäten hatte er als Junge in Regensburg. Es war in diesem Fall – wie soll es im tiefkatholischen Regensburg anders sein – die kirchliche Autorität. Hans Traxler hat mir die Geschichte erzählt: Gegen Ende des Krieges war er zusammen mit seiner Mutter aus Böhmen geflohen. Die beiden landeten in Regensburg. Mutter und Sohn hatten keine leichte Zeit. Der Winter war hart, das Essen Mangelware. Hans hat erzählt, wie es seiner Mutter eines Abends gesundheitlich sehr schlecht ging, es ging ans Sterben. Ein christkatholischer junger Mensch aus Böhmen wie der Hans dachte da natürlich an den Pfarrer und die Sterbesakramente. Da wurde er also vorstellig beim Pfarrer von Sankt Emmeran. Der Geistliche saß aber gerade beim Abendessen, wobei er sich von Hans und seiner sterbenskranken Mutter nicht stören lassen wollte. Die Bitten des Jungen, der Mutter beizustehen, wimmelte er ab. Er sagte ein paar Worte, die sich Hans Traxler ins Gedächtnis eingegraben haben: „Mein Sohn, da wollen wir doch den guten Willen für die Tat nehmen.“ Er sagte es mit vollem Mund. Bis zum heutigen Tag hat Traxler die mümmelnde Stimme des Priesters im Ohr. Weil er aber als Junge schon ein Herr war, hat er dem Pfarrer daraufhin nicht handfest heimgeleuchtet. Seine Rache bestand darin, dass er aus der Katholischen Kirche austrat. Er wurde erst der Cartoon-Teufel Hans und dann der feinsinnige Illustrator Traxler – ein freundlich-unerbittlicher Chronist des alltäglichen Schwachsinns.

Aus der Kirche ist er also ausgetreten. Aber er begleitet die Päpste und ihr Wohlergehen bis zum heutigen Tag. Das schöne Outfit von katholischen Geistlichen im Verein mit diversen bigotten Tendenzen der Kirche haben Hans Traxler zu vielen, vielen Cartoons inspiriert. Papst Paul VI., der nicht nur die Pille, sondern auch Kondome verbot, widmete er 1978 sogar ein ganzes Buch: „Die Reise nach Jerusalem“ (BILD). Hier sehen wir den Papst, dessen Credo war: „Drum liebe Brüder fern und nah / Verkünde ich ex cathedra: Dies ist unser fester Wille: Nieder mit der Babypille“.

Freilich: Eine Woche, bevor das Buch fertig war, starb Paul VI. Es ist nicht leicht, Cartoonist zu sein. Um das fast fertige Buch zu retten, erweiterte Traxler den Titel um die frommen Worte „in memoriam Paul VI.“, doch das brachte dann auch nicht mehr viel. Denn just an dem Tag, an dem der Andruck beginnen sollte, starb der nächste Papst, Johannes Paul I. Hans ließ ein loses Blatt in das Buch „Die Reise nach Jerusalem“ einlegen mit einem Gelübde: „Unter dem Eindruck der schier unglaublichen Duplizität der Ereignisse versichere ich ehrenwörtlich, dass ich nie wieder ein Buch über einen Papst veröffentlichen werde.“

Daran hat Traxler sich gehalten, ohne indes vom Papstmalen abzulassen. Hier haben wir noch einen (BILD): Darunter ist ein Zitat des Aufklärers Lichtenberg zu lesen: „Mit größerer Majestät hat noch nie ein Geist stillgestanden.“

Und hier (BILD) ist noch einer. Auf Traxlerisch sagt man dazu:  „Noch einen haben wir in petto: Papst Benedikt, auch Benedetto. / Die Stimme sanft, die Schühchen rot. / Die Sünde hasst er auf den Tod. / Man sagt, dass er den Muselmann schon aus Prinzip nicht leiden kann. / Die Bayern aber sind entzückt / von ihrem Papst, dem Benedikt.“

Meine Damen und Herren, Sie merken: Der Mann, dem Sie heute den Preis für Karikatur verleihen, ist – sozusagen nebenbei – ein brillanter Dichter in der Nachfolge von Wilhelm Busch. Während ein Papst schon einmal eins übergewischt bekommt, hat Traxler den Herrgott immer einen guten Mann sein lassen. Auch einen Mann von Geschmack wie ein Bildgedicht aus jüngerer Zeit belegt: Der liebe Gott schafft den Menschen, gleich nach dem Menschenaffen, was sich denn leider auch deutlich zeigt (Bild): „Denn stand er da im Wannsee / Halb Mensch und halb Schimpanse.“ Der liebe Gott ist ein bisschen konsterniert, er muss noch mal neu anfangen (Bild). Und hier das Ergebnis! (Bild).

Sie sehen, verehrtes Publikum, die klassizistische Anmutung der Eva? Sie erfassen die subtile Synthese von Brunelleschi, dem Bildhauer, Botticelli, dem Maler, und dem Berliner Ballhaus.

An dieser Stelle ist ein kleiner Exkurs geboten. Ich bin leider keine Kunsthistorikerin. Unmöglich ist es mir, Sie mit den nun fälligen fremdwortlastigen Exegesen zu überschütten, die Hans Traxlers Werk verdient. Oliver Maria Schmitt, der auch kein Kunsthistoriker ist, sondern Satiriker, hat Hans Traxlers Streben immerhin so beschrieben: Traxler ist auf der „Suche nach der Blauen Blume der Zeichnerei, nach der reinen perfekten und idealen Linie, der sagenhaften ,ligne claire’, die jede andere Linie unmöglich macht und mindestens so gelassen im Bilde ruht wie der Maler in sich selbst“. Das ist schön gesagt – aber geht es nicht doch etwas komplexer? Vor einigen Tagen traf ich Traxlers Kollegen, den Karikaturisten Dieter Hanitzsch, der zum guten Ruf der Süddeutschen Zeitung eine Menge beiträgt. Den fragte ich, wie er Hans Traxlers Arbeiten charakterisieren würde. Hanitzsch beklagte zunächst den Umstand, dass er Traxler noch nie persönlich begegnet ist. Dann räusperte er sich und meinte, das würde jetzt vielleicht komisch klingen, aber er sehe das so: „Der Traxler ist ein Genie! Ein Jahrhundertkünstler!“ Ich frage: Warum? Darauf Dieter Hanitzsch: „Weil er die Dinge auf den Punkt bringt, mit geschmackvollen Farben“.

Soviel, liebes Publikum, zur Theorie. Wenden wir uns wieder der Praxis zu, dem Alltag, der gern auch, damit es etwas interessanter klingt,  „Lebensalltag“ genannt wird.

In diesem Lebensalltag, wir sind jetzt im Jahr 2000, zog ich von Frankfurt nach Berlin. Das bedeutete, dass ich die nähere Umgebung meiner Freunde Hans und Inge verließ. Zum Abschied hat Hans mir „warnende Worte“ mit auf den Weg gegeben, diese in Gestalt eines Cartoons. Sein Cartoon illustriert eine alte englische Ballade, die heißt: „Wie Jimmy von zu Hause wegrannte und von einem Löwen gefressen wurde“. Das Bild kann ich Ihnen nicht zeigen, weil es bei mir an der Wand hängt, aber ich versichere Ihnen: Der Löwe, obwohl er Jimmy schon im Maul hat, sieht gar nicht genüsslich-fröhlich aus. Anstatt sich über die fette Beute zu freuen, blickt er eher etwas miesepetrig drein, als würde er es bedauerlich finden, dass der kleine Jimmy gleich weg sein wird. Erst jetzt, als ich diese Laudatio schrieb, ist mir aufgefallen: Hans, kann es sein? Der Löwe, den du da gezeichnet hast: Das warst du! Ihnen erzähle ich das, um noch einmal zu illustrieren, wie reich Hans Traxlers malerische Welt ist, weil bei ihm die Tiere eine Seele haben. Und dasselbe gilt eigentlich auch für alle Plüschtiere und Konsorten (Bild): „Wenig bekannt ist, dass Noah damals auch die Spieltiere rettete.“

Seine Einblicke in die Tierwelt haben Traxler auch schon tiefe Einsichten in die Psyche großer Schriftsteller verschafft (Bild): „In diesem Moment war für den kleinen Franzl Kafka alles gelaufen.“

Dass Traxler sich trotzdem zu Sigmund Freud nicht in Konkurrenz begibt, hat er in einem Bildgedicht längst schon kundgetan: Da hat er eine der großen Krisen im Hause Freud geschildert (BILD): „Keiner weiß, wie es geschehn is /Sigmund Freud sucht seinen Penis. / Nein, nicht den Penis, das SYMBOL / Da hilft kein Schnaps, kein Alkohol / Er sucht im Haus, in allen Ecken / denn irgendwo muss er ja stecken!“. So geht es weiter, Freud ist verzweifelt, bis Traxler schließlich Frau Freud auftauchen lässt, die Rettung bringt. Sie reicht ihrem Mann eine riesige Zigarre. Und Traxler schließt (BILD): „Auch Feuer gibt sie ihrem Freud / und alles ohne Penisneid!“

Mindestens ebenso oft wie Tiere und öfter als berühmte Denker zeichnet Traxler Frauen. Traxler mag Frauen, was mir Anlass gibt zu der verallgemeinerten Vermutung: Zeichner, die Frauen mögen, haben es im Gewerbe ungleich leichter als ihre misogynen Kollegen. Stellen Sie sich vor, was die Frauenfeinde unter den Zeichnern alles an schönen Linien auslassen, ja was sie sich entgehen lassen, weil sie mit dem Typus  „Witwe Bolte“ vollauf genug haben.

Wie gesagt, Traxler mag Frauen, vor allem aber mag er eine. Sie sehen sie hier (BILD): „Es war immer das Gleiche: Jeder, aber auch jeder Schuh wollte mit Inge Gassi gehen.“ Die Rede ist natürlich von Inge Traxler.

Wir sehen sie übrigens auch hier (BILD): „Erstaunlich viele unserer Vorfahren kehrten wieder zurück auf die Bäume, als sie herausfanden, dass die Evolution auch ihre Schattenseiten hat.“ Bitte beachten Sie die Schuhe!

Dazu noch eine Anekdote aus den Sommerferien am Mittelmeer, die wir gemeinsam verbrachten: Vor unserer Nase fuhren auf dem blauen Mittelmeer lauter blöde, riesig-große Boote lärmig vorbei, Ferien-Yachten von einigen Bruttoregistertonnen. Wir drei, Hans, Inge und ich, waren nicht angetan, wir fühlten uns gestört. Ich sagte: Wie grässlich müsse es sein, auf diesen großen Salonbooten, wo man nur quasseln und trinken kann, immer bloß gesittet bekleidet herumzulungern. Hans korrigierte mich: Aber nein, „die russischen Edelnutten, die auf solchen Schiffen sitzen, müssen nicht bekleidet sein“. Dann sagte Inge: „Na, besser die Leute kaufen große Schiffe als große Waffen“. Darauf beschied Hans seine Inge mit milder Stimme: „Liebling, die Leute kaufen die Schiffe von den Erlösen aus ihrem Waffenhandel.“

Hansens Weg in die Auspuffgase großer Yachten war aber ein weiter: Als Alleweltzeichner hat er begonnen, der sich um jedes Thema kümmerte, weil ja irgendwie das Brot auf den Tisch kommen musste. Niemals war er angestellt, keinen Tag in seinem Leben. Er war de facto immer ein Tagelöhner, was man bei Künstlern euphemistisch „freischaffend“ nennt. Von heute aus gesehen nimmt sich sein Werdegang ganz normal aus: Klar, ein großer Künstler, der muss ja auch nicht angestellt sein. Aber es hat einige Jahre gedauert, bis Traxler sich aussuchen konnte, welche Themen ihn interessieren. Als es so weit war, hat er viele politische Cartoons gezeichnet. Erst für die Satirezeitschrift „Pardon“, die es nicht mehr gibt, und dann viele Jahre lang für das „endgültige Satiremagazin Titanic“, das er mitgegründet hat. Zusammen mit seinen Freunden von der „Neuen Frankfurter Schule“, zusammen mit Fritz Weigle, alias F. W. Bernstein; F. K. Waechter, Robert Gernhard, Chlodwig Poth, Pit Knorr, Eckhart Henscheid und Bernd Eilert, hat Hans Traxler gezeigt, dass die alte These, die Deutschen hätten keinen Humor, Mumpitz ist. Außerdem haben er und seine Freunde der Welt gezeigt, dass es auch jenseits von New York und Paris grandiose Cartoonisten gibt. Traxlers fulminante „Geschichte der Gummibärchen“ ist sogar in einer amerikanischen Übersetzung erschienen.

Seit einigen Jahren hat Traxler sich von der scharfen politischen Karikatur verabschiedet. Er gibt seinem Hang zum Erzählerischen, ja zum bildnerisch Poetischen nach. Dazu gehört auch, Johann Wolfgang von Goethe ausführlich beim Fußballspielen zu zeigen (BILD).

Und dann hat Hans Traxler noch eine andere Lust, der er sich in den vergangenen Jahren ausführlich gewidmet hat: Malen mit Ölfarben. Das ist seine Kür. Da verliert er sich. Er malt nämlich noch im Freien, so wie einst die Impressionisten es taten. Sitzt er in der Sonne, trägt er einen Strohhut. Sitzt er in den Winterbergen, dann friert er. Seine Wohnung hängt voller Bergmalereien. Sie sind großartig (BILD). Aber als ich erstmals bei ihm zu Hause etliche seiner Bergbilder an den Wänden hängen sah, wunderte ich mich: Hans, fragte ich, warum gibt es in Deinen Berglandschaften keine Schatten? Und Hans antwortete, seiner Natur gemäß, sehr nett, sehr offen: „Weil ich keine Schatten malen kann.“

Verehrtes Publikum, ich kenne Hans zwar schon seit nicht wenigen Jahren, ich weiß, wie ungemein liebenswürdig und wie bescheiden er ist. Aber dass er das so einfach sagte, machte mich baff. Das Fazit, das in die Geschichte eingehen darf: Der Zeichner, Maler und Dichter Hans Traxler kann alles, er bringt die Welt auf den Punkt. Für alle, die seine von ironischer Menschenfreundlichkeit durchleuchteten Arbeiten kennen, macht er die Welt sogar liebenswerter. So prägnant seine Zeichnungen sind, so freundlich ist selbst noch sein Sarkasmus. Nur Schatten in Öl malen – das kann er nicht.

Wie sieht Hans Traxler sich heute? Die Antwort mag Ihnen ein Bildgedicht geben, das ich Ihnen hier jetzt zeigen möchte. Sie werden auch Inge Traxler wiederfinden, der diese Hommage für ihren Mann zu einem Teil auch gewidmet ist (Bild): „Früher als der Gattin lieb / Zeigt sich schon der Zeichentrieb / Um 6 greift ohne wenn und aber / Der Zeichner nach dem Stift von Faber. / Die Morgensonne wirft den Schatten / Die Künstlersgattin zürnt dem Gatten. / Liebling! Sieh doch mal das Wetter! / Der Zeichner füllt noch ein paar Blätter. / Immer dicker wird die Mappe / Die Künstlersgattin hält die Klappe. / „Sieben!“ schlägt die Kirchenuhr / Der Künstler übt die Kreuzschraffur. / „Frühstück!“ ruft es aus der Küche / Bis dahin geh’n noch ein paar Striche. / Nach dem Frühstück kommt die Hitze / Der Zeichner macht schnell eine Skizze. / Die Sonne steigt, die Menschen ruhn / Der Zeichner hat noch viel zu tun. / Schön wär es, jetzt zu kopulieren / Der Zeichner muss noch colorieren. / Die Gäste ruhn im kühlen Zimmer / Der Zeichner zeichnet ja noch immer! / „Sag mal, was macht Dein Mann eigentlich, wenn er gerade mal nicht zeichnet?“ / „Dann malt er wie ein Wilder / Bilder, Bilder, Bilder!“.

Zum guten Schluss: Einmal, in einer schwachen, naiven Stunde, habe ich Hans eine Frage gestellt, die man nicht stellen sollte. Ich fragte ihn nach dem Sinn des Lebens. Wir saßen, Hans, Inge und ich, bei Traxlers zu Hause und aßen Kuchen. Hans antwortete: „Der Sinn des Lebens ist, dass wir jetzt hier Kuchen essen.“ Na, wenn das der Sinn des Lebens ist, dann hat es umso mehr Sinn, dass Hans Traxler heute mit einem schönen Preis geehrt wird.

 
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