Laudatio

Andreas Platthaus, Mitglied der Jury des Karikaturpreises der deutschen Anwaltschaft und Redakteur der FAZ

Meine sehr geehrten Damen und Herren, verehrte Rechtsanwälte und vielleicht gar Richter, lieber gerechter Steve Bell!

hundertfünfzig Kilometer südlich von Berlin, in Leipzig, ist seit Samstag eine Ausstellung zu sehen, die jenen Mann ehrt, dem wir den Begriff der Karikatur verdanken: Gianlorenzo Bernini. Vor 362 Jahren, am 15. März 1652, schrieb der italienische Bildhauer und Architekt an einen Freund: „Als Cavaliere schwöre ich Dir, daß ich Dir nie mehr irgendwelche Zeichnungen schicken werde, weil Du nun diese zwei Porträts hast und sagen kannst, Du habest alles, was dieses ‚Großmaul Bernini’ kann.“ Die beiden Zeichnungen, so erfahren wir, zeigten einen gewissen Don Ghiberti und den Florentiner Philosophen Bonaventura, und Bernini versicherte dem Empfänger, er habe nie größere Zufriedenheit verspürt – und ich gehe wieder in den Wortlaut – „als bei diesen zwei Karikaturen; ich habe sie recht von Herzen gemacht“. Damit ist nicht nur der Begriff in der Welt, sondern auch die Voraussetzung für einen guten Karikaturisten: Nicht sein Maul, sondern das Herz muß groß und übervoll sein. Man könnte meinen, er hätte in Liebe entbrannt zu sein für diejenigen, die er karikieren möchte. Aber das täuscht!

Von Bernini, der immerhin 81 Jahre alt wurde, sind kaum mehr als zwei Dutzend jener Zeichnungen auf uns gekommen, die heute als Karikaturen gelten, und die von Bonaventura und Don Ghiberti sind verloren. Was er ganz allgemein für ein grandioser Zeichner war, sei an einem späten Selbstporträt vorgeführt, das sich heute im Besitz der englischen Königin befindet – so wird heute auch das von Steve Bell oft gebeutelte Staatsoberhaupt einmal im Kontext der Komischen Kunst umschmeichelt. Von Karikatur ist bei Berninis Selbstporträt indes keine Spur, der Mann schmeichelt erkennbar sich selbst. Ein volles Herz in eigener Sache. Sehen wir uns dagegen an, wie ganz anders Bernini einen Kardinal gezeichnet hat, mutmaßlich Scipione Borghese: Modern möchte man das nennen, doch ob die Zeitgenossen des Seicento in solcher Reduktion einer Persönlichkeit auf ein paar Linien einen Vorzug gesehen haben, darf man bezweifeln. Und wenn wir erst einen namentlich nicht bekannten Feldhauptmann von Papst Urban VIII. betrachten, den uns Bernini überliefert hat, dann erkennen wir, dass im Falle dieses Künstlers das angeblich von Herzen kommende Karikieren vor allem ein mutiges Herz verlangte. Der Dargestellte dürfte kaum glücklich mit seinem Konterfei gewesen sein, und das lustvoll phallische Porträt verrät uns, daß Bernini beim Skizzieren wohl weniger das Herz übervoll war als die Galle. Wahrscheinlich muß man seinen Brieftext also so verstehen, daß er als Karikaturist aus seinem Herzen keine Mördergrube zu machen pflegte. Oder um mit den jüngsten unsterblichen Worten des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann zur türkischen Kritik an einer Witzzeichnung des deutschen Zeichnerduos Greser & Lenz zu sprechen: „Eine Karikatur ist eine Karikatur, und sie karikiert, sonst hieße sie nicht so.“

Man erkennt an Berninis Hauptmann die Erbschaft, die Steve Bell angetreten hat, etwa wenn er den aalglatten aktuellen britischen Premierminister David Cameron zeichnet, dessen Name wir angesichts der Bellschen Karikaturen mit Fug in David Condomeron ändern könnten. Bell selbst nennt ihn Camerondom – auch sehr gut.

Es waren englische Zeichner, die im achtzehnten Jahrhundert die Italiener abgelöst und den Gipfel der Karikaturkunst bestiegen haben, den sie – wenn wir ehrlich sind – bis heute nicht wieder freigegeben haben. Keine Geringere als die berühmte Sarah Churchill, Duchess of Marlborough, legt in einem Brief Zeugnis ab für die Freude ihrer Landsleute am gezeichneten Zerrbild. Wohl in den frühen dreißiger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts schrieb sie an den von seiner Grand Tour zurückkehrenden George Bubb Doddington, den Vertrauten von Frederick, Prince of Wales, einen jener unglücklichen britischen Thronfolger, die dank unverwüstlicher Konstitution der vorigen Throninhaber nie die Krone tragen sollten. In ihrem Brief zeigte sich die Herzogin neugierig: „Young man, you come from Italy. They tell me of a new invention there called caricature drawings.“ William Hogarth war da allerdings in London bereits an der Arbeit.

Dass die Karikatur in Italien entstand, verrät ihr Name, und nicht Bernini gilt als ihr Erfinder, sondern der eine Künstlergeneration vor ihm arbeitende Annibale Carracci, von dem es 1646, also sechs Jahre vor Berninis eingangs zitiertem Brief, in einem Buch hieß, er brilliere im „ritrattino carico“, also dem übertriebenen Bildchen. Aber diejenigen von Ihnen, die schon vor vier Jahren meiner Laudatio auf Gerald Scarfe gelauscht haben, wissen, daß man noch weiter zurückgehen kann: bis zu den Römern des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, die auf dem Palatin diese Ritzzeichnung hinterlassen haben, die einen gekreuzigten Esel zeigt und dem neben der Hinrichtungsstätte stehenden Herrn bescheinigt: „Alexamenos cebete deo“ – Alexamenos verehrt seinen Gott. Spott über die Religion stand also bereits Pate für die Karikatur, bevor sie überhaupt als Form etabliert war. Auch dieses aufklärerische Wagnis, die seine Betreiber heutzutage zwar nicht brotlos, aber kopflos zu machen droht, wird von Steve Bell mustergültig fortgeführt.

Seine 2010 anläßlich des bevorstehenden Besuchs von Papst Benedikt XVI. in Großbritannien publizierte Karikatur, die damals im Vorfeld geäußerte Kritik des Pontifex am britischen Gleichstellungsgesetz zum Thema hat, ist diesbezüglich vielfältig interessant. Einmal wegen der schönen Unverschämtheit, mit der Bell den seinerzeitigen Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, also den ranghöchsten anglikanischen Würdenträger, links als Nonne in Szene setzt – Crossdressing könnte man ja auch als christliche Symbolpolitik verstehen. Doch das Schönste an der Zeichnung ist Bells Verneigung vor einem großen Vorläufer, dem amerikanischen Cartoonisten Charles Addams, dem boshaftesten komischen Zeichner aller Zeiten, Schöpfer der Addams Family, der 1946 im „New Yorker“ eine berühmte Szene namens „Sad Movie“ veröffentlichte. Onkel Fester aus der Addams Family sieht eine Kinovorführung mit ganz anderen Augen als das restliche Publikum, und so widerfährt es auch Benedikt, nur dass die Rollen auf Bells Blatt genau vertauscht sind: Die klammheimliche Freude der schwarzen Seele im schluchzenden Saal voller Mitleidender wird hier in die mühsam gezügelte Wut des Seelenhirten angesichts eines überschäumend fröhlichen Publikums aus lauter Libertins verwandelt. Und besonders witzig ist die Modernisierung des schwarzweißen Projektionsstrahls bei Addams zur Regenbogenvorführung, mit der Bell die Symbolsprache der sexuellen Vielfalt aufnimmt. Wobei wir nicht übersehen dürfen, daß die Kinobesucher selbst weiterhin so farblos bleiben, wie sie es schon bei Addams waren. Ja, das mag konsequente Hommage sein, aber ich vermute eher eine weitere Bosheit gegenüber der sich ihrer selbst so gewissen kunterbunten Gesellschaft. Steve Bell teilt nämlich gern in alle Richtungen aus.

Führen wir das an einem Blatt vor, dass gleichfalls einem seiner ganz großen Vorgänger Reverenz erweist. 1989, zum zweihundertsten Jahrestag der Französischen Revolution, zeichnete Bell den Karikaturisten James Gilray bei der Arbeit. Unter seinem Blick und auf seiner Staffelei wird der heroisch inszenierte Sansculotte zum perfiden Schlächter. Bells Blatt ist gedeutet worden als Apologie von Gilray, doch wer ein Bild zu lesen versteht, der sieht, dass der blutrünstige Revolutionär auf der Leinwand dieselbe Haltung einnimmt wie der Karikaturist, nicht aber wie das Modell. Das abgehackte Bein entspricht dem Pinsel, das Kleinkind der Palette, ja selbst die Jakobinermütze ist der Perücke des englischen Zeichners ähnlicher als der Kappe des stolzen Franzosen links. Bell spießt also den Verzerrungskünstler auf, der den französischen Umstürzler aufgespießt hat. Diese Karikatur ist zumindest doppeldeutig.

Gilray hatte wie Steve Bell den bösen Blick, den ein volles Herz verlangt, wenn es sich in dem artikulieren soll, was wir im einundzwanzigsten Jahrhundert unter Karikatur verstehen und wofür Bell heute von uns ausgezeichnet wird. Boshaftigkeit bedeutet beim Karikaturisten immer auch Aufklärung. Wobei es im Englischen an jenem Doppelsinn fehlt, den die Rede vom „bösen Blick“ im Deutschen hat. Und das „evil eye“ ist auch etwas anderes als das „mad eye“ (der irre Blick), das zu Bells Markenzeichen geworden ist, seit er es zum Erkennungsmerkmal seiner Karikaturen von Tony Blair gemacht hat. Kein Zufall übrigens, dass immer dessen linkes Auge das mad eye ist. Steve Bell versteht sich politisch als kompromißlos links; die vom 1997 zum britischen Premierminister gewählten Blair durchgesetzte Politik namens „New Labour“ war für ihn Verrat. Bells Blair ist in Abwandlung einer deutschen Redensart auf dem linken Auge irr.

Trotzdem möchte ich dem gerechten, weil so boshaften Bell – notabene: nicht dem ungerechten, weil so bösartigen Blair! – meinerseits dadurch boshaft-gerecht werden, daß ich fortan sein Markenzeichen trage: jenes mad eye eben, das sosehr zum britischen Allgemeingut wurde, dass J. K. Rowling im 2000 erschienenen vierten Band ihrer „Harry Potter“-Romanserie den Zauberer Mad-Eye Moody eingeführt hat, dessen bürgerlicher Name Alastor lautet, lateinisch für „unermüdlicher Rachegeist“. Honi soit qui mal y pense. Jedenfalls dürfte es kein Zufall sein, dass Monsieur l’Artiste, das als französisches Klischee veralberte Alter Ego Steve Bells in seinem gleichnamigen Comic-Strip für die englische Tageszeitung „The Guardian“, im letzten Panel einer Folge aus dem Jahr 2003 begeistert „’Arry Pottère“ liest.

Ja, richtig gesehen: Steve Bell ist auch Comiczeichner. Er war es sogar zuerst, denn der „Guardian“, für den er seit 1981 arbeitet und zu dessen Ruhm als linksliberal-aufklärerische Tageszeitung er auf lange Sicht mehr beigetragen haben wird als selbst Edward Snowden, engagierte ihn damals für eine tägliche Comicserie, die den simplen Titel „If“ trägt – und noch immer läuft. Erst 1990 hatte sich Bell nach Meinung der Chefredaktion als Zeichner ausreichend bewährt, um seinen ersten Editorial Cartoon, also die große Zeichnung auf der Kommentarseite des „Guardian“, gestalten zu dürfen. Was es für einen linksgerichteten Künstler bedeutet haben muss, neun Jahre lang darauf zu warten, endlich Margaret Thatcher so prominent wie nur möglich verspotten und das dann nur noch ein paar Monate lang tun zu dürfen, ehe die Eiserne Lady im November 1990 das Amt der Ministerpräsidentin quittierte, das können wir Nicht-Zeichner und Nicht-Briten, ja vielleicht nicht einmal Linksgerichteten bestenfalls ahnen. Und auf Thatcher folgte ausgerechnet John Major! Dieses politische Äquivalent zum Tranquilizer nach dem konservativen Aufputschmittel Thatcher beschäftigte den Karikaturisten geschlagene sieben Jahre lang. Bell machte das Beste daraus und verpasste dem Regierungschef eine über dem Anzug getragene Unterhose als Markenzeichen, die er derart konsequent in seinen Zeichnungen von Major einsetzte, daß sie als neues britisches Staatssymbol taugte. Abermals kein Zufall, daß man nach der gepanzerten Thatcher dabei auch an eine Windel denken mochte.

Sie sehen, wie schwer es fällt, vom Karikaturisten Steve Bell wegzukommen, selbst mir, einem Comicfanatiker par excellence, der Ihnen jetzt ohne Mühe ein rundes Stündchen zu der Tradition vortragen könnte, in die sich Bell als Comiczeichner stellt. Robert Crumb mit seiner schonungslosen autobiographischen Revolution des Undergrounds müßte da genannt werden (aber welcher Zeichner unserer Zeit hätte den amerikanischen Meister nicht bewundert und von ihm gelernt?) und noch mehr Gilbert Shelton, zumindest wenn es um die Gestaltung der Figuren geht. Doch wir verleihen hier ja den Karikaturpreis der Deutschen Anwaltschaft, nicht den Comicpreis, also muß es damit sein Bewenden haben. Das ist schade, denn man könnte natürlich auch zeigen, daß Bells Verzerrungskunst große Comiczeichner wie etwa seinen Landsmann Kevin O’Neill inspiriert hat. Aber nein, nicht hier, nicht jetzt.

Wichtig jedoch war mir, wenigstens einmal daran erinnert zu haben, in welcher von den Deutschen oft geringgeschätzten Kunstform sich Steve Bell für seine jetzige Position als wichtigster Karikaturist nicht nur Großbritanniens geschult hat. Die Comicgeschichte hält ihm immer wieder thematische Anregungen parat. Und auch sein eigener Comic „If“ war von Beginn an Mittel zur Satire, und dessen liebste Zielscheibe ist bis heute das politische Establishment geblieben. Hier ein aktuelles Beispiel dafür, aus der vorletzten Oktoberwoche.

Heute – das heißt aber auch eine Zeit, die nunmehr schon Jahrzehnte anhält, länger, als jeder britische Ministerpräsident im Amt war, in der Steve Bells Karikaturen das Gesicht des „Guardian“ sind. Jede Woche beschert uns mehrere seiner „big ones“, wie der Zeichner selbst die Arbeiten für die Kommentarseite der Zeitung nennt, und fürwahr: Das sind große Dinger, der Fläche und vor allem dem Zorn nach, der dahinter steckt. Denn der private Herzensmensch Bell wird zum professionellen Gallenmenschen, sobald er den Stift ansetzt. Und das Schöne daran ist, daß seine Zeichnungen diese Bitterkeit manchmal vor Kulissen entfalten, die den größten Meisterwerken der Kunstgeschichte entliehen sind. Denn das Wahre Schöne Gute gibt erst den rechten Rahmen ab fürs Verlogen Häßlich Böse. Im Falle von Charles Addams’ „Sad Movie“ waren wir ästhetisch noch innerkarikaturesk unterwegs, genau wie bei James Gilray, aber es gibt zahllose Beispiele für Anleihen bei der klassischen Kunst, die Bell mit artistischen Wucherzinsen zurückzahlt. Auf den meisten dieser Blätter ist akribisch vermerkt, wo er sich dabei bedient hat: „After ...“ steht da zu lesen, und es können dann sowohl Namen von Genies der Kunstgeschichte wie Michelangelo oder Goya folgen als auch von Genies der Karikaturengeschichte wie John Tenniel oder David Low. Bisweilen schreibt Bell jedoch gar pathetisch „With apologies to ...“ auf seine Cartoons, und diese Entschuldigungen gelten nie seinen großen Fachkollegen, sondern zum Beispiel Breughel, Ingmar Bergman oder Gilbert & George – nicht, weil der Karikaturist diese Vorbildner missbraucht hätte, sondern wohl eher, weil er sie in für ihn selbst derart unangenehme Gesellschaft wie etwa die von George W. Bush oder John Major gebracht hat. Abgebrühte Karikaturisten sind daran ja gewöhnt, sensible Künstler nicht.

Delacroix hat also Glück gehabt, auch wenn seine Freiheit sich wohl nicht hätte träumen lassen, in was sie sich im Jahr 2012 unter Bells Feder verwandeln würde: Die eng geschnürte personifizierte deutsche Ausgabendisziplin führt ein Heer von Finanzschlümpfen an, und der Titel der Karikatur variiert perfiderweise einen urdeutschen Ausspruch, nämlich Bertolt Brechts bitteren Satz vom möglichen Ausweg für eine Regierung, die keinen Rückhalt mehr genießt: „Sparsamkeit wählt sich ein neues griechisches Volk.“ Nicht wesentlich attraktiver ging es übrigens fünf Jahre zuvor im Editorial Cartoon des „Guardian“ zu, als Bell schon einmal Delacroix zitiert hatte, anläßlich von Jean-Marie Le Pens Niederlage in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen. Segolène Royale gibt hier eine deutlich femininere Freiheit, doch das wird mehr als ausgeglichen durch ihren konservativen Rivalen Nicolas Sarkozy, der mit den vertrauten Attributen Margaret Thatchers auftritt. Nicht einmal die Franzosen taugen also mehr für weibliche Eleganz – was Steve Bell in diesem Jahr noch einmal bekräftigen konnte, als er Präsident François Hollande als zwergenhafte Olympia im überdimensionierten Motorrollerhelm zeichnete. Der olympische Gedanke – hier vergeht er einem gründlich. Wir bekommen vorgeführt, was wir als Zeitzeugen eigentlich selbst längst gemerkt haben müßten: Dabei sein ist gar nichts.

Wer wüßte das besser als der Mann, der berufsbedingt auf alles zu achten hat, um es dann karikieren zu können? Sein Cartoon „Belle Epoque“ zeigt Bell selbst in Gesellschaft jener fünf britischen Regierungschefs, unter denen er bislang zeichnen mußte. Sie sind jeweils kostümiert als Protagonistinnen eines anspruchsvollen Vergnügungsetablissements, was Bells graphisches Universum ja auch ist. Da haben wir von rechts aus gesehen Tony Blair mit seinem linken mad eye, John Major in der obligatorischen Unterhose, Margaret Thatcher im typischen Totenkopf-Look, David Cameron in seinem Kopf-Kondom und schließlich Gordon Brown, dessen Amtszeit und Regierungsleistung so lächerlich ausfielen, dass es selbst Bell nicht gelang, ihm ein eindeutiges Attribut zuzuschreiben. Und ganz links (wo sonst?) sitzt der Meister selbst, in seiner charakteristischen Kluft als Monsieur l’Artiste, der hier an Vorbilder à la Toulouse-Lautrec erinnert, die vor hundert Jahren in Paris hinter den Kulissen einer selbsternannten „schönen Zeit“, die alles andere als schön war, skizziert haben. Genau wie es Bell heute wieder tut.

Was er mit diesem allegorischen Motiv aber ganz realistisch eingefangen hat, ist die notwendige Nähe zu seinen Ziel- und Verzerrobjekten. Diese Nähe ist indes keine persönliche oder gar politische. Nahe kommt Bell ihnen deshalb, weil er ganz klassisch die unmittelbare Anschauung sucht, bevor er sich ans Karikieren begibt. So ist er Stammgast auf den britischen Parteitagen, denn hier können sich die, denen er nachspürt, den Porträtsitzungen nicht verweigern. „I am going to lurk in the shadows in Manchester and have a good look at him under the bright lights when all the cameras are pointing at him – and see what emerges.“ Auf diese Weise hat der Schattenmann Bell vor vier Jahren sein Vorgehen bei jenem Labour-Parteitag beschrieben, auf dem die erhoffte Lichtgestalt Ed Miliband zum Vorsitzenden gewählt wurde. Der ist übrigens erstaunlicherweise ein Politiker, den Bell zu schätzen behauptet, weil der wiederum den Karikaturisten bewundert: „I have met him a few times and he has always been friendly and even said nice things about my strip of him with two mad eyes. The problem now is that I am going to have come up with a way to tease him – I hope he understands it is going to hurt me more than it hurts him.“ So liebevoll-sarkastisch hat man selbst Steve Bell nicht oft gehört. Und wie zeichnete er Miliband danach? Und wem wird das wohl weher getan haben? Zu Ehren von Bells ehrenhaften Gefühlen gegenüber der von ihm so geplagten Spezies der englischen Politiker sei deshalb für den Rest der Laudatio ein zweites mad eye angelegt. Denn zweifellos wird Bell lieber an Ed Miliband als an Tony Blair erinnert. Ersterer hatte ja auch bislang noch keine Gelegenheit, allzu viel Unheil anzurichten.

Ganz im Gegensatz zu all den anderen, die, mögen sie auch noch so verheißungsvoll gestartet sein, von der Macht korrumpiert worden sind. Da bleibt selbst Barack Obama, als einem früheren Hoffnungsträger Bells, in der Stunde seines größten Triumphs – und was ist das hier für ein schaler Triumph! – nur der Auftritt eines Hobbyanglers, der mit seinem jüngsten Fang protzt. Eingeschlagen ist der in Zeitungen, die vom erfolgreichen Fischzug künden: alte Neuigkeiten, wie sie eben nur noch gut dazu sind, auf dem Markt als Verpackungsmaterial zu dienen. Amerika steht unverändert im Schatten jenes Ereignisses, für das Steve Bell noch am Tag des Angriffs selbst, dem 11. September 2001, diese karikatureske Entsprechung gefunden hatte. Es zeichnet die Meister ihres Fachs aus, daß sie selbst in den Momenten größten Schreckens noch scheinbar unbeeindruckt weiterzeichnen, doch in diesem düsteren Cartoon sieht man die Wucht des Geschehens aufgehoben, die auch Bell nicht ungerührt ließ. Die schwarzen Qualmwolken gleichen zwei riesigen Händen, die die Türme des World Trade Centers wie Spielsteine setzen. Es gibt nur einen anderen Zeichner, der eine vergleichbar beeindruckende Lösung für diese Erschütterung gefunden hat: Art Spiegelman mit seinem Cover für die auf die Attentate folgende Ausgabe des „New Yorker“. Aber Spiegelman zeichnete seinen Schwarz-auf-Schwarz-Geniestreich erst in den Tagen nach dem 11. September, und – Ehre, wem Ehre gebührt – Steve Bell hatte schon 1996 eine ähnliche Idee, als er nach dem Amoklauf in einer schottischen Schule, der sechzehn Menschenleben kostete, diese Zeichnung im „Guardian“ publizierte. Kein schwarzer Humor, sondern schiere schwarze Kunst in jeder Hinsicht.

Wie kann ich nach einem solchen Blatt noch weitermachen? Indem ich ein buntes zeige, voller herzerwärmendem Licht und doch von gallenbitterem Zynismus. Der amerikanische Präsident Barack Obama steuert ein Surfbrett auf den Fäkalienströmen einer Kanalisation mitten hinein in einen dunklen Tunnel. Wird es Licht an dessen Ende geben? Steve Bell läßt uns mit seinen Arbeiten wenig Hoffnung darauf. Obama aber fährt ungerührt fort. Das ist seine konsequente Exit Strategy. Meine sieht anders aus, und zwar so, wie Steve Bell sich das zweifellos von etlichen seiner Protagonisten wünschte: Ich mache Schluß. Herzlichen Glückwunsch, lieber Mr Bell, zum Karikaturpreis der Deutschen Anwaltschaft. Wir sind alle keine Berninis, also gratulieren wir Ihnen wirklich von ganzem Herzen. Ohne jede Galle.

 
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