Presseinformation Nr. 7 vom 12. März 2001

Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" im Amtsgericht Darmstadt eröffnet

Justizstaatssekretär Herbert Landau begrüßt, dass Ausstellung in Hessen Station macht / Wanderausstellung der Bundesrechtsanwaltskammer und des Deutschen Juristentages vom 12. März bis zum 20. April 2001 in Darmstadt

Darmstadt. – In einer Feierstunde im Foyer des Amtsgerichts Darmstadt haben der hessische Justizstaatssekretär Herbert Landau, der Vizepräsident der Rechtsanwaltskammer Frankfurt am Main Rechtsanwalt und Notar J. Günther Knopp und der Vorsitzende des Landesverbandes Hessen der jüdischen Gemeinden Moritz Neumann die Wanderausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" auf ihrer Station in Hessen eröffnet.

Die Ausstellung, die der Deutsche Juristentag e.V. und die Bundesrechtsanwaltskammer gemeinsam – in Darmstadt unter Mitwirkung des Hessischen Ministeriums der Justiz und der Rechtsanwaltskammer Frankfurt am Main – veranstalten, zeigt auf rund 20 Tafeln, ergänzt um zahlreiche Originalexponate, das Schicksal von Anwälten jüdischen Glaubens.

Staatssekretär Herbert Landau wies in seiner Ansprache daraufhin, dass mit dem 30. Januar 1933 der größte Aderlass Deutschlands an teils herausragenden Mitbürgern sowohl im öffentlichen wie auch im privaten Leben begann. Landau sagte weiter: "Kultur und Wissenschaft verloren herausragende und brillante Köpfe, ebenso wie Millionen sog. "Normalsterblicher" vertrieben oder unter unmenschlichen Bedingungen in den Tod geschickt wurden. Und das nur, weil ihnen die damaligen neuen Machthaber den Stempel "Jude" aufdrückten. Die juristische Zunft blieb davon nicht ausgenommen, seien es Richter, Staatsanwälte oder eben auch Rechtsanwälte gewesen. Viele unserer ehemaligen jüdischen Kollegen waren damals – gemessen an ihrer Zahl und Qualität – weit überdurchschnittlich im politischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt auch wissenschaftlichen Leben tätig. Große Namen wie Feuchtwanger, Friedländer, Hachenburg u.a. haben das anwaltliche Berufsrecht und seine Berufspolitik über ihre Zeit hinaus maßgeblich gestaltet. Von diesem Verlust an Kompetenz und Erfahrung hat sich die deutsche Rechtswissenschaft und in ihr auch die Rechtsanwaltschaft nur schwer erholt. Es ist das Verdienst dieser Ausstellung über unsere alten Kollegen "ohne Recht", daran zu erinnern, dass all dies gerade im Namen des – damaligen – Rechts geschah. Die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Rechtsanwälte vollzog sich nicht gegen die damals geltenden Gesetze, denen ich insoweit die Qualität des Rechts einfach abspreche. Sie geschah vielmehr legalisiert auf der Grundlage eigens dazu erdachter förmlicher Gesetze und war damit nichts anderes als staatlich kaschiertes Faustrecht. Wir dürfen nicht vergessen, und auch dafür danke ich dieser Ausstellung, dass einem Großteil unserer Kollegenschaft erst die Existenz, dann die Heimat und schließlich das Leben geraubt wurden. Und wir dürfen nicht vergessen, dass es unsere Zunft war, die Juristen, die solche "Justizförmigkeit" erdachten. Der gesetzliche Terror traf sogar Menschen an Leib und Leben, die diese Güter einst freiwillig für ihr Vaterland eingesetzt hatten, nämlich als von den braunen Machthabern ansonsten hochgeachtete Frontkämpfer des 1. Weltkrieges. Welch bitterer Dank".

Und abschließend sagte der Staatssekretär: "Wir müssen konsequent darauf achten, dass es sich auch in Ansätzen nicht wiederholt. Es ist die Bringschuld der heutigen Justiz gegenüber den Opfern, unseren Kollegen, gegen jegliche Ansätze dazu mit allen zu Gebote stehenden Mitteln und mit Härte vorzugehen. Nie wieder dürfen Neid, Opportunismus und Menschenverachtung dazu führen, unter dem Deckmantel der Förmlichkeit Recht in sein Gegenteil zu verkehren und gegen unsere Mitmenschen anzuwenden."

Nachdem die Wanderausstellung im Rahmen des 63. Deutschen Juristentages erstmals in der Leipziger Messe im September 2000 gezeigt worden ist, kann sie nun in Darmstadt vom 12. März bis zum 20. April 2001 besichtigt werden.

Der Deutsche Juristentag e.V. und die Bundesrechtsanwaltskammer wollen mit dieser Ausstellung an die Schicksale von NS-Verfolgung betroffenen Anwälten und Anwältinnen und die diskriminierenden Maßnahmen erinnern, unter denen sie zu leiden hatten. Die Ausstellung macht den Verlust, den Ausgrenzung, Vertreibung und Mord bewirkt haben, beklemmend deutlich. Gleichzeitig gewähren die verschiedenen Lebensbilder dem Betrachter einen neuen Einblick in die zeithistorischen Ereignisse sowie die juristische Sphäre.

Als Ende März 1933 die Nationalsozialisten gezielte Aktionen gegen jüdische Rechtsanwälte ankündigten, schenkten insbesondere die Betroffenen selbst dem kaum Beachtung. Mit dem inszenierten "Boykott" am 1. April 1933 mussten sie jedoch erkennen, dass sie einzeln angegriffen und aus dem gewachsenen Berufsstand ausgegrenzt werden sollten - gleichgültig wie sie sich selbst sahen und welche Leistungen sie für Deutschland erbracht hatten.

Von den 19.276 Anwälten und Anwältinnen in Deutschland Anfang 1933 waren ca. 4.000, also rund ein Fünftel, jüdischer Herkunft. Einem großen Teil von ihnen wurde schon 1933 die Zulassung entzogen. Mit Ausnahmeregelungen durften die übrigen noch weiterarbeiten, doch zumeist entzog man ihnen das Notariat. Das allgemeine Berufsverbot erging dann am 30. November 1938. Ab diesem Zeitpunkt wurden diejenigen, die nach der nationalsozialistischen Ideologie als Juden galten, für "verzichtbar" gehalten.

Die Ausstellung veranschaulicht anhand von Schautafeln die Lebenswege einzelner Anwälte. Es werden prominente, aber auch weniger bekannte Anwälte porträtiert. Wie überall in Deutschland wurden auch die Darmstädter Anwälte und Anwältinnen aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen, weil sie nun nur noch als Juden galten – und nicht mehr als Kollegen oder Rechtsvertreter. Ihr Schicksal steht exemplarisch für unzählige andere. Neben diesen biographischen Darstellungen vermitteln Übersichtstafeln den historischen Rahmen. Verschiedene, zum Teil einmalige Dokumente veranschaulichen die Etappen, in denen die Ausgrenzung erfolgte. Namen und Schicksale werden somit vor dem Vergessen gerettet, durch die Fokussierung auf einen Berufsstand erhalten die Betrachter neue Einblicke in zeithistorische Ereignisse.

Die Wanderausstellung basiert auf der regional auf Berlin bezogenen Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933", veranstaltet von der Rechtsanwaltskammer Berlin und der Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum". Sie war vom 31. November 1998 bis zum 28. Februar 1999 im Centrum Judaicum ausgestellt.

Nun besteht in Darmstadt knapp sechs Wochen Gelegenheit zur Besichtigung der überarbeiteten Ausstellung, die jetzt den Titel "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" trägt. Nach der Eröffnung am 12. März 2001 ist die Ausstellung bis zum 20. April 2001 für die Öffentlichkeit zugänglich.

Der Eintritt ist kostenlos.

Öffnungszeiten der Ausstellung im Amtsgericht Darmstadt, Foyer (Mathildenplatz 12, 64283 Darmstadt):
Montag – Freitag: 8.00 – 16.00 Uhr
Samstag / Sonntag: geschlossen

Weitere Einzelheiten und Informationen zu Gruppenführungen durch die Ausstellung erhalten Interessierte beim Amtsgericht Darmstadt unter der Telefonnummer 06151/12-6245 und beim Landgericht Darmstadt unter der Telefonnummer 06151 / 12–5354.

Weitere Hinweise:

Im Anschluss an Darmstadt folgt als 5. Station das Landgericht in Bochum mit der Laufzeit vom 27. April bis zum 30. Mai 2001. Für die weiteren deutschen Städte, in denen die Wanderausstellung voraussichtlich bis zum Ende des Jahres 2002 gezeigt werden wird, laufen zur Zeit noch die Vorbereitungen.

Unter dem Titel "Anwalt ohne Recht – das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933" hat die Rechtsanwaltskammer Berlin 1998 ein Buch herausgegeben. Die Autorin ist Frau Dr. Simone Ladwig-Winters aus Berlin, die die Ausstellung konzeptioniert und koordiniert hat. Das Buch ist im be.bra-Verlag erschienen und im Buchhandel unter der ISBN-Nr. 3–930863–41–3 erhältlich (Verkaufspreis 59,90 DM).

Desweiteren besteht für interessierte Besucher die Möglichkeit, sich bereits vorab im Internet einen virtuellen Eindruck von der Wanderausstellung zu verschaffen. Unter "http://www.brak.de/anwalt-ohne-recht" werden neben exemplarischen Bildern, Exponaten und Texten u.a. ein virtueller Rundgang durch die Ausstellung sowie die bevorstehenden Ausstellungsorte und –termine einschließlich der jeweiligen Anfahrtsbeschreibungen angeboten.

Abschließend einige Angaben zu denjenigen, die die Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" ermöglicht und realisiert haben:

Veranstalter: Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), Berlin/ Deutscher Juristentag e.V. (DJT), Bonn
Regionale Veranstalter: Hessisches Ministerium der Justiz/ Rechtsanwaltskammer Frankfurt am Main
mit freundlicher Unterstützung durch den: Verlag Dr. Otto Schmidt (OVS), Köln
Projektleitung: RA Dr. Andreas Nadler (DJT), Bonn/ RA Stephan Göcken (BRAK), Berlin
Konzeption, Koordination, Recherche und Texte: Dr. Simone Ladwig-Winters, Berlin
Grafische Gestaltung: Hauke Sturm, Berlin
Pressearbeit: Redaktionsbüro Robert Wieber, Lindlar

 

Pressekontakt

Rechtsanwältin Stephanie Beyrich
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