Logo: Bundesrechtsanwaltskammer

Presseinformation Nr. 7 vom 26. Februar 2002

Justiz unter dem Hakenkreuz: "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933"
Rechtsanwaltskammer Stuttgart eröffnet Wanderausstellung im Amtsgericht Stuttgart

Bundesrechtsanwaltskammer (Berlin) / Deutscher Juristentag e.V. ( Bonn), Stuttgart Die Rechtsanwaltskammer Stuttgart eröffnete heute – 63 Jahre nach der Reichspogromnacht von 1938, die Wanderausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" im Amtsgericht Stuttgart. Die Ausstellung, die der Deutsche Juristentag e.V. und die Bundesrechtsanwaltskammer veranstalten, gewährleistet einen einzigartigen Einblick in zeithistorische Ereignisse und die juristische Sphäre nach 1933.

Regionaler Kooperationspartner in Stuttgart ist die Rechtsanwaltskammer Stuttgart mit freundlicher Unterstützung durch den Präsidenten des Amtsgerichts Stuttgart. Nachdem die Wanderausstellung erstmals im Rahmen des 63. Deutschen Juristentages Ende September 2000 in Leipzig (an zwei Standorten) und anschließend in Heidelberg, Darmstadt, Bochum, Freiburg, Nürnberg, München, Ravensburg und Hannover gezeigt worden ist, kann sie nun bis zum 28. März 2002 in Stuttgart kostenlos besichtigt werden.

Der Deutsche Juristentag e.V. und die Bundesrechtsanwaltskammer wollen mit dieser Ausstellung an die Schicksale der von NS-Verfolgung betroffenen Anwälte und Anwältinnen und die diskriminierenden Maßnahmen, unter denen sie zu leiden hatten, erinnern. Die Ausstellung macht den Verlust, den Ausgrenzung, Vertreibung und Mord bewirkt haben, beklemmend deutlich. Gleichzeitig gewähren die verschiedenen Lebensbilder dem Betrachter einen neuen Einblick in die zeithistorischen Ereignisse.

Als Ende März 1933 die Nationalsozialisten gezielte Aktionen gegen jüdische Rechtsanwälte ankündigten, schenkten insbesondere die Betroffenen selbst diesen kaum Beachtung. Mit dem inszenierten "Boykott" am 1. April 1933 mussten sie jedoch erkennen, dass sie einzeln angegriffen und aus dem gewachsenen Berufsstand ausgegrenzt werden sollten – unabhängig davon, wie sie sich selbst sahen und welche Leistungen sie für Deutschland erbracht hatten.
Von den 19.276 Anwälten und Anwältinnen in Deutschland Anfang 1933 waren ca. 4.000, also rund ein Fünftel, jüdischer Herkunft. Den meisten wurde schon 1933 die Zulassung entzogen. Mit Ausnahmeregelungen durften die übrigen noch weiterarbeiten, doch zumeist entzog man ihnen das Notariat. Das allgemeine Berufsverbot erging dann am 30. November 1938. Ab diesem Zeitpunkt wurden diejenigen, die nach der nationalsozialistischen Ideologie als Juden galten, für "verzichtbar" gehalten.

Die Ausstellung veranschaulicht anhand von Schautafeln die Lebenswege einzelner - prominenter und weniger bekannter - Anwälte. Wie überall in Deutschland wurden auch in der Region der Rechtsanwaltskammer Stuttgart Anwälte und Anwältinnen aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen, weil sie nun nur noch als Juden galten – und nicht mehr als Kollegen oder Rechtsvertreter. Ihr Schicksal steht exemplarisch für unzählige andere.

Vielen jüdischen Anwälten gelang die Flucht ins Ausland, aber eine große Anzahl blieb in Deutschland, wo sie – schrittweise immer weiter entrechtet – ab 1941 der Tötungsmaschinerie ausgeliefert wurde. Die Einzelbiographien vermitteln einen Eindruck der Persönlichkeit, weil sie den Ausgegrenzten in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen. So wird ein Leben in Würde gespiegelt, als alles, auch die Würde, genommen werden sollte.

Neben diesen biographischen Darstellungen liefern Übersichtstafeln den historischen Rahmen. Verschiedene zum Teil einmalige Dokumente veranschaulichen die einzelnen Etappen der Ausgrenzung. Namen und Schicksale werden somit vor dem Vergessen gerettet, durch die Fokussierung auf einen Berufsstand erhalten die Betrachter neue Einblicke in zeithistorische Ereignisse.

Die Wanderausstellung basiert auf der regional auf Berlin bezogenen Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933", veranstaltet von der Rechtsanwaltskammer Berlin und der Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum". Sie war vom 31. November 1998 bis zum 28. Februar 1999 im Centrum Judaicum zu sehen.

Die Rechtsanwaltskammer Stuttgart vertritt die Rechtsanwälte der Landgerichtsbezirke Ellwangen, Heilbronn Stuttgart und Ulm

Weitere Hinweise:

An Stuttgart anschließend sind weitere deutsche Städte vorgesehen (u.a. Erfurt, Köln, Bamberg, Schwerin, Bonn, Potsdam, Berlin, Hamburg, Aachen und Mainz), in denen die Wanderausstellung voraussichtlich bis Anfang des Jahres 2004 Station machen wird. Hierfür laufen zur Zeit noch die Vorbereitungen.

Unter dem Titel "Anwalt ohne Recht – das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933" hat die Rechtsanwaltskammer Berlin 1998 ein Buch herausgegeben. Die Autorin ist Frau Dr. Simone Ladwig-Winters aus Berlin, die die Ausstellung konzeptioniert und koordiniert hat. Das Buch ist im be.bra-Verlag erschienen und im Buchhandel unter der ISBN-Nr. 3–930863–41–3 erhältlich (Verkaufspreis 32,00 Euro, 64,00 DM).

Desweiteren besteht für interessierte Besucher die Möglichkeit, sich bereits vorab im Internet einen virtuellen Eindruck von der Wanderausstellung zu verschaffen. Unter http://www.brak.de/anwalt-ohne-recht werden neben exemplarischen Bildern, Exponaten und Texten u.a. ein virtueller Rundgang durch die Ausstellung sowie die bevorstehenden Ausstellungsorte und –termine einschließlich der jeweiligen Anfahrtsbeschreibungen angeboten.

Die Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" wurde ermöglicht und realisiert:

Veranstalter: Deutscher Juristentag e.V. (DJT), Bonn (Adr. s.u.)
Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), Berlin (Adr. s.u.)mit freundlicher Unterstützung durch den:
Verlag Dr. Otto Schmidt (OVS), Köln
Titel und Gestaltung der Ausstellung mit freundlicher Genehmigung durch den: be.bra-Verlag, Berlin
Projektleitung: RA Dr. Andreas Nadler (DJT), Bonn
RA Stephan Göcken (BRAK), Berlin
Konzeption, Koordination, Recherche u. Texte: Dr. Simone Ladwig-Winters, Berlin
Koordination der Ausstellungswanderung: APEX - Anja Ostermann, Gevelsberg
Grafische Gestaltung (Ausstellung / Print): Hauke Sturm, Berlin
Webdesign: Tom-E-Design – Tom Weber, Bergisch Gladbach
Pressearbeit: Redaktionsbüro Robert Wieber, LindlarAnsprechpartner für

Rückfragen und nähere Informationen zur bundesweiten Wanderausstellung:
Rechtsanwalt Stephan Göcken, Bundesrechtsanwaltskammer-Geschäftsführer für Öffentlichkeitsarbeit

Ansprechpartner für Rückfragen und nähere Informationen zur Ausstellung in Stuttgart:
Rechtsanwalt Claus Benz, Rechtsanwaltskammer Stuttgart

Zum Deutschen Juristentag treffen sich alle zwei Jahre Juristen aller Berufsgruppen, um Empfehlungen für den Gesetzgeber abzugeben.
Die Bundesrechtsanwaltskammer vertritt als Dachorganisation 27 Regionalkammern und die Rechtsanwaltskammer beim Bundesgerichtshof. Diese Kammern vertreten die Gesamtheit von derzeit ca. 117.000 Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten in der Bundesrepublik.

 

Pressekontakt

Rechtsanwältin Stephanie Beyrich
Geschäftsführerin
Pressesprecherin

Bundesrechtsanwaltskammer
Littenstr. 9
10179 Berlin
Tel. 030.28 49 39 - 0
Fax 030.28 49 39 -11
Mail [E-Mail-Adresse versteckt]

 
 
  1. » Startseite
  2. » Für Journalisten
  3. » Pressemitteilungen - Archiv
  4. » 2002
  5. » Presseinformation 7/2002

gedruckt am 11.18.2017

Copyright 2017 - Bundesrechtsanwaltskammer