Akzente

Präsident RA Ekkehart Schäfer

Ganz am Anfang!

(BRAK-Mitt. 4/2018, 161)

Zum letzten Mal hören Sie an dieser Stelle von mir, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wie vielen bekannt sein wird, lege ich aus sehr persönlichen Gründen mein Amt als Präsident der BRAK vorzeitig nieder, und ich habe entschieden, dies mit Wirkung zur nächsten ordentlichen Hauptversammlung am 14.9.2018 zu tun. Das fiel nicht leicht. Denn in der anwaltlichen Selbstverwaltung so lange Jahre an verantwortlicher Stelle mitzuarbeiten, habe ich immer als großes Privileg empfunden.

Ganz am Anfang dieses Weges, ich war damals als junger angestellter Anwalt in meiner heutigen Ravensburger Kanzlei tätig, stand die ebenso knappe wie nachdrückliche Ansage meines damaligen Chefs, seines Zeichens Vorstand des örtlichen Anwaltsvereins: Schäfer, Sie kandidieren für den Kammervorstand. Nun gut, wenn der Chef das sagte, musste ja etwas dran sein... Und so wurde ich in den Vorstand der Rechtsanwaltskammer Tübingen gewählt. Das war 1986.

In den vielen Jahren seitdem – ich wurde zwischenzeitlich Präsident der Tübinger Kammer, später Vizepräsident der BRAK und schließlich ihr Präsident – habe ich vor allem eines gelernt: Uns Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte ist eine ganz besondere gesellschaftliche Aufgabe zugewiesen: den Zugang zum Recht für jedermann zu gewährleisten. Und wir dürfen nicht müde werden, diese Rolle immer wieder zu betonen und, wenn nötig, auch vehement zu verteidigen.

Der Erfüllung dieser Aufgabe muss auch die Selbstverwaltung der Anwaltschaft dienen. Denn global gesehen ist eine unabhängige Anwaltschaft mit einer unabhängigen Selbstverwaltung keineswegs so selbstverständlich, wie uns das in Deutschland erscheint. Das wurde mir immer wieder bewusst, wenn ich die BRAK bei Veranstaltungen internationaler Anwaltsorganisationen vertreten durfte. Hier kann die BRAK ihre Erfahrungen mit anderen Anwaltschaften teilen, aber auch aus deren Erfahrungen lernen. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Austauschprogramme mit jungen deutschen und israelischen Kolleginnen und Kollegen, welche die BRAK initiiert hat. Miterleben zu dürfen, wie sie, über alle historisch bedingten Berührungsängste hinweg, Verständnis für ihre jeweilige berufliche Rolle und Situation entwickeln – das war wirklich etwas sehr besonderes.

Auch national gesehen ist die Gewährleistung des Zugangs zum Recht für jedermann nicht immer das, was den meisten beim Stichwort „Rechtsanwalt“ als erstes einfällt. In der öffentlichen Wahrnehmung wird das Bild der Anwaltschaft oft überlagert, insbesondere von einer vorrangig ökonomischen Betrachtung, etwa als vor allem auf Gewinnmaximierung bedachte Geschäftemacher in Robe – man denke hier nur an die medialen Vorwürfe, bei Inkrafttreten der Datenschutzgrundverordnung rieben sich die „Abmahnanwälte“ schon die Hände. Oder bei dem Bild des Anwalts als Notfall-Retter vor Gericht, den man erst aufsucht, wenn das sprichwörtliche Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Dass wir auch vorsorgliche Beratung leisten, Verträge gestalten, Konflikte vermeiden oder schlichten helfen, wird in der Öffentlichkeit häufig nicht gesehen. All das macht aber uns Anwältinnen und Anwälte aus. Das schiefe Bild geradezurücken, auch das ist Aufgabe der anwaltlichen Selbstverwaltung.

Und nicht zuletzt: Die Kernwerte der Anwaltschaft – Unabhängigkeit, Verschwiegenheit, Freiheit von Interessenkonflikten – sind es, in denen unsere besondere Rolle im Rechtsstaat zum Ausdruck kommt. In all den Jahren meiner ehrenamtlichen Tätigkeit musste ich lernen, dass wir diese Werte immer wieder aufs Neue zu verteidigen haben. Denn gesetzgeberische Begehrlichkeiten, insbesondere in Richtung Verschwiegenheitspflicht, gab es und gibt es immer wieder, hier seien aktuell nur die Stichworte Steuervermeidung oder Geheimnisschutzgesetz genannt. Es wird also auch weiterhin viel zu tun geben.

Und dafür braucht es Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, und Ihre ganz persönlichen Situationen „ganz am Anfang“, die Sie in der anwaltlichen Selbstverwaltung mitwirken lassen. Ich verspreche Ihnen: Es ist ein großer Gewinn!

Ihr
Ekkehart Schäfer

 
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