Laudatio

MartinSonntag, Leiter und Geschäftsführer der CARICATURA - Galerie für Komische Kunst, Kassel

Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Wirtz,
Sehr geehrte Herren Wessels, Remmers und Scharf,
Sehr geehrte Damen und Herren,
Lieber Sefer Selvi!

Sie haben es gehört: Mein Name ist Martin Sonntag, Sie dürfen nun also mit Fug und Recht eine Sonntagsrede erwarten. Schließlich gehört es zu den Gepflogenheiten unserer aufgeklärten Gesellschaft bei gewichtigen Anlässen Sonntagsreden zu hören. Und da es heute um nichts weniger geht, als um die Freiheit der Presse, der Meinung und der Kunst, ist ein Wort zum Sonntag mindestens angemessen. Auch wenn es in diesem Fall ein Wort vom Sonntag ist.

So könnte ich nun stundenlang weitermäandern und kalauern, um in einem möglichst weiten, aber inhaltlich abseitigen Bogen irgendwann zum Thema der Veranstaltung zu kommen, nämlich zur Verleihung eines Karikaturenpreises. So ist es schließlich mittlerweile Brauch und Sitte in Deutschland, und es macht ja auch Spaß. Bei Preisverleihungen und Ausstellungseröffnungen wird mit größtmöglicher Leichtigkeit und Nonchalance verliehen und eröffnet, am Thema vorbei geredet und das Publikum erheitert, dass es seine Art hat. Und wenn der Künstler dazu auch noch ein akkurater Spaßvogel ist, wird gerne auch noch über ihn hergezogen. So sind wir, die Satire-Deutschen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Freude ist beiderseitig und das Vorgehen ist allgemein anerkannt. Wehe dem, der sich zu einem ernsten Vortrag hinreißen lässt. Denn hier in Deutschland ist Satire oftmals nur gleichgesetzt mit Spaß, und sie darf alles, also fast alles.

Ja, uns geht es verdammt gut im demokratischsten und freiheitlichsten System, das jemals deutschen Boden betreten hat. Womöglich zu gut, denn anscheinend wissen das einige Leute nicht mehr zu schätzen. Sie wollen lieber wieder einen starken Mann an der Spitze haben und auf keinen Fall mehr dieses blöde Grundgesetz. Wir leben im Zeitalter der Spalter und der Spaltung. Bewegungen, Parteien und mittlerweile sogar Präsidenten haben es sich scheinbar als oberstes Ziel gesetzt, die Gesellschaften ihrer Länder zu spalten und ins Chaos zu stürzen. Wir müssen diese Leute jetzt nicht unbedingt Höcke oder Gauland nennen, wir können sie auch Trump oder Bolsonaro nennen, oder einfach Erdogan.

 

Und nach diesem umständlichen Umweg bin ich endlich an dem Punkt, an dem ich vollster Überzeugung sagen kann: Ich freue mich außerordentlich, dass heute der türkische Zeichner, Karikaturist und Cartoonist Sefer Selvi den Karikaturenpreis der Bundesrechtsanwaltskammer erhält. Denn so wie der Preis angelegt ist, ist er durchaus geeignet, Leuten verliehen zu werden, die sich gegen Spalter wehren und ihnen die Stirn bieten.

Was das genau bedeutet, sich gegen Spalter zu wehren und ihnen die Stirn zu bieten, die es schon zum Präsidenten gebracht haben und gerade mit der Gleichschaltung ihres Landes beschäftigt sind, können wir uns in unserer Wohlfühloase wohl nicht recht vorstellen, bzw. haben womöglich sogar ein romantisierendes Bild vom unbeugsamen, aufrechten Künstler. Die Realität für diese Künstler ist allerdings alles andere als eine romantische.

Wenn wir wissen, dass gegen Sefer Selvi wieder einmal ein Ermittlungsverfahren läuft, von dem niemand weiß, welche Konsequenzen wirklich zu erwarten sind…

Wenn wir wissen, dass direkt nach dem Putschversuch von 2016 das Büro des Satiremagazins LeMan, in dem auch Sefer Selvi arbeitet, von einem aufgebrachten Mob belagert wurde, die Redaktion seitdem wüsteste Beschimpfungen und Drohungen erhält und die Sicherheitsmaßnahmen für die Redaktionsräume mittlerweile denen von Fort Knox ähneln...

Und wenn wir wissen, dass in der Türkei seit dem Putschversuch kritische Journalisten, Beamte und Lehrer tausendhaft entlassen oder inhaftiert werden…

Dann bekommen wir so ganz langsam eine Vorstellung davon, welche Kraft und welchen Mut es wirklich braucht, in dieser Situation satirisch und kritisch weiterzuarbeiten und zu zeichnen. Als Grundlage für Repressionen dient in der Regel ein generalisierter Vorwurf, nämlich der der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Und so kann bereits eine einfache Kritik am Staat, am System oder an einem Protagonisten des Systems, vornehmlich am Präsidenten, dazu führen, dass dies als terroristischer Akt oder als Unterstützung von Terroristen gewertet werden kann, was gleichbedeutend mit einer Anklage oder der direkten Verhaftung ist.

Vielleicht müssen wir dazu aber auch noch wissen, dass Satire in der Türkei eine größere Tradition und stärkere Bedeutung hat, als bei uns in Deutschland. Satire war in der Türkei schon immer ein probates Mittel, in repressiven Phasen Opposition zu zeigen und zu bewahren, wie beispielsweise nach dem Militärputsch von 1980. Oder sogar noch weiter in die Geschichte zurückgehend, zu Zeiten des streng regierenden Sultans Abdülhamid II im ausgehenden 19. Jahrhundert. Diese historischen Bezüge sollen aber an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Karikaturen und satirische Komik im türkischen Selbstverständnis tief verankert sind.

Die Satiremagazine am Bosporus hatten traditionell enorm hohe Auflagenzahlen. Hohe Auflagen sind das Resultat einer großen Leserschaft. Und eine große Leserschaft bedeutet eine hohe Akzeptanz. Karikaturen haben also durchaus eine gesellschaftliche Relevanz, denn auch in schwierigen Zeiten haben sich die Zeichner nie weggeduckt und weiter gegen Missstände angezeichnet.

Satiremagazine gab und gibt es viele in der Türkei. Allein zwölf satirische Zeitschriften zählte Istanbul, von denen viele allerdings nicht mehr existieren. Legendär und führend war das von Oguz Aral gegründete Magazin GirGir (1972 – 1989). Es erreichte zu Hochzeiten Spitzenauflagen von über einer halbe Million Exemplaren. Ein Ableger von GirGir war Limon, aus dem das heutige LeMan wurde, die momentan vielleicht wichtigste türkische Satirezeitschrift. Weiterhin gibt es beispielsweise noch Evrensel und Uykususz, oder Bayan Yani, ein Magazin, in dem fast ausschließlich Frauen veröffentlichen. Mit Hacamat und Caf Caf werden sogar zwei islamische und regierungstreue Satiremagazine gedruckt. Die satirische Vielfalt in der Türkei ist also gewaltig und das Genre so populär und in der Gesellschaft verwurzelt, dass sogar die Pro-Erdogan-Seite sich dieser Kunstform bedient. Dabei ist Istanbul der künstlerische Hotspot der Szene. Oder muss man sagen, Istanbul war der Hotspot der Szene? Denn seitdem das Land in eine Diktatur umgewandelt wird, gehen immer mehr Zeichner ins Exil, und es werden immer mehr Hefte Stück für Stück vom Markt genommen – wie das renommierte Penguen, dessen letzte Ausgabe im April 2017 erschien.

 

Der Grund dafür, dass Magazine eingestellt werden, ist kein staatliches Verbot, wie man meinen könnte. In der Regel ist er finanzieller Natur, denn der Verkauf der Hefte wird immer schwieriger. Außerhalb der Metropolen Istanbul, Ankara und Izmir, also in der konservativen Provinz, sind sie nur noch selten an Kiosken zu finden. Lieferanten und Verkäufer haben Angst vor Repressionen, wenn sie beispielsweise LeMan im Programm haben. Die Magazine werden finanziell ausgetrocknet anstatt verboten. Das funktioniert ebenso gut.

Dazu schwebt über jeder Ausgabe das Damoklesschwert der Terrorabwehr. Sollte eine missliebige Karikatur auftauchen, kann das mittlerweile fatale Folgen haben. Tuncay Akgün, Chefredakteur von LeMan sagte dazu, dass viele gute Karikaturen gar nicht mehr auf das Titelblatt genommen, sondern lieber irgendwo im Heft versteckt werden. Dies sei die einzige Möglichkeit, diese Zeichnungen überhaupt noch zu veröffentlichen.

Das sind also grob umrissen die Arbeitsbedingungen, unter denen Sefer Selvi arbeitet und Karikaturen zeichnet. Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge mit der Perspektive einer prekären Zukunft.

Ich bin Sefer Selver heute das erste Mal persönlich begegnet, und ich finde es schwierig, sinnvoll über jemanden zu reden, den man nicht unmittelbar kennt. Deswegen befragte ich eine Kollegin, Sabine Küper-Büsch, von der nachher noch die Rede sein wird. Sabine Küper-Büsch, eine ausgewiesene Expertin für die türkische Satire-Szene, berichtete, dass Sefer Selvi zu den populärsten Zeichnern der Türkei gehöre und er über eine große Fan-Gemeinde verfüge. Das liegt wohl auch daran, dass er als derjenige gilt, der die Erdogan-kritischsten Karikaturen zeichnet, und dass er mit seinem analytischen Blick und seiner klaren Umsetzung einer der pointiertesten Zeichner Istanbuls ist. Seine Zeichnungen treffen einen Nerv, der zur Zeit offen liegt, und sie treffen diesen Nerv mit hoher künstlerischer Qualität.

Aber ich wollte auch wissen, was Sefer Selvi denn eigentlich privat für ein Typ ist. Sabine überlegte kurz und sagte dann, dass er eigentlich so sei, wie die beiden von Greser & Lenz. Wunderbar! Ungeachtet dessen, dass die beiden von Greser & Lenz zwei vollkommen unterschiedliche Charaktere sind, liefern sie zusammen ein grandioses Duo ab. Also, wenn die Rechnung lautet: Achim Greser + Heribert Lenz = Sefer Selvi – ja dann… Dann ist es kein Wunder, dass vor zwei Jahren, an dieser Stelle Greser & Lenz die Vorgänger von Sefer Selvi beim Preis der Bundesrechtsanwaltskammer waren. Somit ist dieser Kreis geschlossen.

Sefer Selvi hat anlässlich dieser Preisverleihung eine Zeichnung gefertigt. Sie trägt den Titel „Meinungsfreiheit“. Die Aussage der Zeichnung erschließt sich sofort, deswegen werde ich mich hüten, hier tiefer auf die Bedeutung des Motivs einzugehen. Das Bild der drei Affen ist uns geläufig und bedarf keiner weiteren Erklärung. Die Ergänzung um den vierten, eingesperrten Affen, desjenigen der der Skulptur des „Denkers“ von Auguste Rodin nachempfunden ist, ist dabei eine effektive Umsetzung eines weiten Gedankenfeldes. Ist es Ahnung, Mahnung oder Warnung, oder gar Resignation die hier zum Ausdruck kommt? Sefer Selvi lässt einerseits einen großen Bedeutungsspielraum, ist dabei aber gleichzeitig bestechend konkret. Wir sehen hier einen klugen Schachzug, eine handwerklich perfekte Umsetzung und eine tiefgründige Karikatur eines würdigen Preisträgers.

Wie kam es aber dazu, dass Sefer Selvi in den Fokus für diesen Preis geriet? Eine seiner Zeichnungen fiel der Jury besonders auf, weckte ihr Interesse und führte zur intensiveren Beschäftigung mit seiner Arbeit. Die Zeichnung, die alles in Gang gesetzt hat, war eine Titelseite von LeMan aus dem Januar 2016, in der Sefer Selvi Erdogan als Hitler darstellte. Das Bärtchen stellt sich beim genaueren Hinsehen als der Buchrücken der Verfassung heraus. Auch hier wieder: Ein kluger Schachzug und perfekt umgesetzte kritische Grafik. Gleichzeitig zuckt der Betrachter aber zusammen: Hitler! Das ist ein Tabu, das darf man nicht! Wer Erdogan als Hitler zeichnet, muss tollkühn sein! Dies ist jedoch vor allem ein deutscher Reflex. Denn wir haben in Deutschland gelernt, dass ein Hitlervergleich so ziemlich das Letzte ist, was sich ziemt und dessen man sich bedient.

In der heutigen Türkei hingegen ist das gar nicht so schlimm. Erdogan selbst hat nichts einzuwenden gegen eine Darstellung als GröFaZ, in diesem Fall als „Größter Führer aller Zeiten“. Zieht er doch selbst immer wieder gerne Vergleiche mit Diktatoren. So sagte er beispielsweise am Silvestertag 2015, als er die Funktionalität seines Präsidialsystem noch bewarb: „Dafür (für das Präsidialsystem) gibt es bereits Beispiele in der Welt. Sie können das sehen, wenn sie Hitlerdeutschland anschauen. Es gibt auch spätere Beispiele in mehreren anderen Ländern.“ Ein paar Tage später lenkte sein Pressebüro ein. Diese Aussage sei anders gemeint, und Erdogan betrachte Nazideutschland natürlich als schlechtes Beispiel für ein Präsidialsystem. Trotzdem und ergo: Erdogan mit Hitlerbart – das ist kein großes Problem in der Türkei.

 

Schwierig wird es allerdings, wenn Erdogan als Tier gezeichnet wird. Bekannt geworden ist vor allem eine Zeichnung von Musat Kart aus dem Jahr 2006, ebenfalls erschienen in LeMan. Erdogan wird als Katze gezeichnet, verfangen in einem Wollknäuel. Der türkische Präsident reagierte sofort. Es kam zur Klage, da Erdogan eine Herabwürdigung seiner Person sah. Was folgte war eine große Solidaritätswelle der satirischen Zeichner und Magazine. Jetzt zeichnete jeder Erdogan als Tier. Penguen beispielsweise druckte eine Titelseite nur mit Tierzeichnungen in Beziehung zu Erdogan ab. Der Präsident musste sich geschlagen geben.

Anders ging die Sache ein Jahr zuvor aus. In einem Fall, der nicht so populär in der Öffentlichkeit platziert war, musste sich damals der Zeichner geschlagen geben. Sefer Selvi war es, der Erdogan 2005 als Pferd karikierte, auf dessen Rücken einer seiner Berater ritt. Die Zeichnung führte zu einer Klage und zu einer Geldstrafe.

Ich würde hier und heute Eulen nach Athen tragen, oder Tee nach Istanbul, wenn ich nun über die Aufgabe von Satire innerhalb einer Gesellschaft referieren würde, also über Themen wie gesellschaftliche Reflektion, Kritik, freie Rede, Freiheit der Kunst, Ausloten von Grenzen und so weiter. Aber trotzdem möchte ich an dieser Stelle Andreas Platthaus zitieren, der im Zusammenhang mit dem Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo gesagt hat: „Satire ist der Gradmesser für den Zustand der Aufklärung einer Gesellschaft.“ Genauso ist es. Und um den Zustand der Aufklärung in der Türkei muss man sich eindeutig Sorgen machen, also muss man sich auch eindeutig Sorgen um die Satiriker des Landes machen.

Um ein wenig in diese Atmosphäre einzutauchen, will ich von einer Ausstellung aus dem letzten Jahr berichten. Eine Ausstellung, in der auch Sefer Selvi mit seinen Bildern vertreten war. Unter anderem mit dem vorhin beschriebenen Erdogan-Hitler-Bild. Auch wir als Ausstellungsmacher dachten damals, dies wäre das schwierigste und heikelste Motiv der Ausstellung. Heikel war dann jedoch etwas ganz anderes. Aber der Reihe nach.

Am 15.7.2016 kam es zu dem Putschversuch in der Türkei. Ich saß in dieser Nacht, wie fast jeder andere auch, sehr lange vor dem Fernseher und dem Internet und verfolgte, was da passierte. Die Lage war chaotisch. So langsam fing ich an, mir Sorgen zu machen. Schließlich kannte ich ein paar Künstler und Aktive vor Ort, vor allem die Kollegen Sabine Küper-Büsch und ihren Mann Thomas Büsch. Beide leben in Istanbul und arbeiten dort in einem deutsch-türkischen Kulturverein. Mit beiden haben wir bereits mehrfach zusammengearbeitet. Unter anderem hatten sie mich 2010, als Istanbul europäische Kulturhauptstadt war, als Kurator für die deutsche Abteilung einer internationalen Cartoon-Ausstellung eingeladen.

Ein paar Tage nach dem Putschversuch konnten wir telefonieren. Wie die Lage sei und wie es ginge, wollte ich wissen. Die Lage sei unübersichtlich, aber allen ginge es gut. Ob wir etwas tun könnten? Nach kurzem Überlegen sagte Sabine, dass die Situation für die Künstler brisant sei, und momentan wäre Sichtbarkeit das wichtigste, eine Ausstellung, am besten mit Publikation, man müsse außerhalb der Türkei wissen, was los sei und dass es die Szene gäbe, dies böte Schutz. Und so entstand innerhalb weniger Minuten der Plan für die Ausstellung „Schluss mit lustig“ mit Karikaturen aus den Zeiten der Gezi-Proteste 2013, als noch eine aufklärerische Aufbruchsstimmung über dem Land lag, bis zum Putschversuch und darüber hinaus. Schließlich hatten wir im folgenden Jahr die „documenta“ in Kassel, also die Aufmerksamkeit der Kunstwelt.

Einen Raum anzumieten, die Türkei als Gastland der Caricatura auszurufen und die Ausstellung als Parallel-Veranstaltung zu unserer eigentlichen Hautpausstellung auszuloben, war schnell getan. Mit dem Avant Verlag aus Berlin wurde ein renommierter Partner für die Publikation gefunden, und das Auswärtige Amt hat die letzten finanziellen Probleme beseitigt. Das hört sich alles einfacher an als es war, aber wir waren auf einem guten Weg.

Sabine hat die Ausstellung kuratiert, schließlich war sie die Expertin vor Ort. Ein Zufall kam auch noch ins Spiel, denn der einzig mögliche Termin für die Ausstellungseröffnung war ein paar Tage nach dem einjährigen Jahrestag des Putschversuchs. Das bedeutete, dass die Presse mit den Themen Türkei, Putschversuch und Freiheit heiß lief. Es war also eine emotional recht hochtourige Atmosphäre, unter der die Veranstaltung stattfand. Deutsche Besucher betonten immer wieder, dass das ja alles sehr gefährlich sei, und insgesamt machte man sich Sorgen, ob die türkischen Zeichner wieder sicher nach Hause kämen. Schließlich waren Ramize Erer, Selcuk Erdem und Tan Cemal Genc nach Kassel gekommen. Während auf deutscher Seite also Nervosität herrschte, bestach die Delegation aus Istanbul durch souveräne Gelassenheit: Repression sei nichts Neues in der Türkei … man wisse schon genau, was man machen könne und was nicht … und man wisse, welche Grenzen man besser nicht überschreite … obwohl es zur Zeit ein wenig unberechenbar sei … es gäbe aber sicher keine Probleme bei der Rückreise … auch wenn man hier in Kassel einige kritische Interviews gegeben habe…

Nun, so war es schließlich auch. Alle sind gut in Istanbul gelandet, es gab keine Zwischenfälle. Bis zu dem Tag, an dem die Sache zu kippen drohte. Die Belegexemplare der Kataloge sollten in die Türkei geschickt werden. Schließlich war dies ein wichtiges Element des Gesamtprojektes. Die Ausstellung lief durchaus erfolgreich und wurde umfangreich von der Presse begleitet. Nun sollte aber noch die internationale Publikation, also der Katalog mit den ins Deutsche übersetzten Cartoons, ins Land gebracht und den Zeichnern auch ausgehändigt werden.

 

Von unseren Mittelsleuten in Istanbul erfuhren wir, dass das ungefährlichste für den Transfer der Postweg sei. So wurde es dann auch gemacht. Vier Kartons mit 100 Büchern voll heißer Erdogan-Verarsche waren auf dem Weg zum Zoll in Istanbul. Sabine und Thomas mussten allerdings gerade ein Kultur-Festival im Süden der Türkei betreuen und hatten erst einige Tage später Zeit die Pakete abzuholen. Diese Pakete standen beim Zoll also tagelang im Weg rum.

Mittlerweile ärgerte sich ein türkischer Zöllner über vier Pakete, die ihm schon tagelang im Weg rumstanden. Und neugierig machte er eins auf. Das war nicht gut. Was der Zöllner sah, war das karikierte Konterfei seines Präsidenten, umringt von diabolisch dreinschauenden Cartoonisten, die skandierten: „Jetzt erst recht! Wir zeichnen weiter!“ Der Zöllner ging mit dem Buch zu seinem Chef.

All das wusste Thomas nicht, als er zum Zoll ging, um die Pakete abzuholen, mit guter Laune und genug Bakschisch in der Tasche, denn man weiß ja, wie das so läuft beim Zoll, normalerweise…

Als mein Telefon in Kassel klingelte war auch ich gut gelaunt. Die Sonne schien, alle aktuellen Projekte liefen, was sollte heute schon noch schiefgehen? Thomas klang irgendwie komisch. Er sagte, er brauche dringend eine Bestätigung von mir. Ob ich was mailen könne. Er sei durch mehrere Büros beim Zoll geschleift worden und säße genau jetzt beim obersten Zöllner von Istanbul. Ihm wären zwei Möglichkeiten offenbart worden: Entweder die Bücher verschwänden s o f o r t, oder der Zoll rufe die Terrorabwehr. Schweigen. In den nächsten zwei Stunden ging es rund. Mails wurden geschickt: Ja, auf jeden Fall nähmen wir die Pakete auf unsere Kosten wieder zurück … nein, diese Bücher gehören auf keinen Fall Thomas Büsch … es wäre sogar so, dass er überhaupt gar nichts mit diesen Büchern zu tun habe … Telefonate wurden geführt, Sabine war mittlerweile auch in die Telefonkonferenz eingeschaltet. Dann, nach langem Warten, kam das trügerische, ersehnte Signal von Thomas. Der Zoll sei nun endlich zufrieden … keine Terrorabwehr … er könne gehen … schließlich hätten die Zöllner auch keine Lust auf Stress … alles sei geregelt. So schien es.

Nach einer weiteren Stunde klingelte das Telefon erneut. Sabine rief noch einmal an. Sabine hat bereits einiges in der Türkei mitgemacht, schließlich leben die Beiden schon seit 12 Jahren in Istanbul. Sie ist, was man eine toughe Frau nennt, also nicht so leicht aus der Bahn zu werfen. Diesmal schon. Es war das erste Mal, dass ich sie „nervös“ erlebt habe. Sehr „nervös“. Thomas sei noch nicht zurückgekommen … er hätte schon längst wieder da sein müssen … ans Telefon ginge er auch nicht … ob ich etwas gehört hätte. Nein, hatte ich nicht. Ich wurde auch nervös. Die Gedankengänge waren nun sehr klar und sehr unangenehm: Der Zoll hatte es sich anders überlegt. Oder zufällig ist ein Polizist aufgetaucht. Oder Thomas hatte noch eine unglückliche Bemerkung gemacht. Auf jeden Fall musste etwas schief gelaufen sein.

Sabine und ich telefonierten in Viertel-Stunden-Abständen. Kein Lebenszeichen von Thomas. Nach einer weiteren sehr, sehr langen Stunde gab es dann Gewissheit. Thomas war heil zu Hause angekommen. Im Rausgehen hatte der Ober-Zöllner ihn zurückgerufen. Er hatte eines der Bücher aufgeschlagen. Eines der Bücher, in denen sein Präsident karikiert wird. Aber die Schrift sei ja deutsch … das sei ja alles übersetzt … er verstünde kein Wort. Thomas musste dolmetschen. Und je mehr er dolmetsche, desto größer wurde die Zahl der Zöllner, die auch in das Buch schauen wollten. Je mehr er wieder ins Türkische zurück übersetzte, desto lauter wurde das Lachen. Thomas verbrachte also fast zwei Stunden beim türkischen Zoll und hat sich mit den Beamten aufs köstlichste über die Karikaturen aus LeMan und Uykusuz amüsiert, und über die Karikaturen von Sefer Selvi. So geht es doch auch! Warum nicht gleich so?

Warum erzähle ich diese Geschichte so ausführlich? Weil ich glaube, dass sie zeigt, dass in der Türkei gerade nichts wirklich berechenbar ist. Mit dem Argument des Terrors kann jedwede Handlung kriminalisiert werden, wenn man denn will und wenn alle mitmachen. Dies trifft vornehmlich Kritiker, und von Hause aus sind Karikaturisten Kritiker.

Und ich habe diese Geschichte so ausführlich erzählt, um noch einmal deutlich zu machen, dass internationale Sichtbarkeit und Wahrnehmung für die türkischen Zeichner momentan immens wichtig sind. Deswegen ist diese Preisverleihung auch von so großer Bedeutung. Sie ist von großer Bedeutung, da sie mit Sefer Selvi nicht nur einen verdienten und großartigen Meister seiner Zunft ehrt, sondern auch, weil sie ein Zeichen setzt, weil sie sichtbar macht. Sefer Selvi hat diesen Preis einfach verdient.

Meinen herzlichen Glückwunsch.

 
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