Presseinformation Nr. 22 vom 09. Juli 2001

"Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933"
6. Station der Wanderausstellung des Deutschen Juristentages und der Bundesrechtsanwaltskammer in Freiburg

Eröffnung am 9. Juli 2001 um 17.30 Uhr

Ausstellung im Oberlandesgericht in Freiburg bis zum 16. August 2001

Bundesrechtsanwaltskammer (Berlin) / Deutscher Juristentag e.V. ( Bonn), Freiburg. Die Präsidenten des Oberlandesgerichts Karlsruhe / Freiburg, Dr. W. Münchbach, und der Rechtsanwaltskammer Freiburg, Dr. M. Krenzler, eröffnen heute am 9. Juli 2001 um 17.30 Uhr die Wanderausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" im Oberlandesgericht Freiburg. Die Ausstellung, die der Deutsche Juristentag e.V. und die Bundesrechtsanwaltskammer gemeinsam veranstalten, zeigt auf rund 20 Tafeln das Schicksal von Anwälten jüdischer Herkunft.

Regionale Kooperationspartner in Freiburg sind die Kommission für Menschenrechte des Vereins der Richter und Staatsanwälte und des Anwaltvereins Freiburg e.V. sowie die Rechtsanwaltskammer Freiburg.

Nachdem die Wanderausstellung erstmals im Rahmen des 63. Deutschen Juristentages Ende September 2000 in Leipzig (an zwei Standorten) und anschließend in Heidelberg, Darmstadt und Bochum gezeigt worden ist, kann sie nun in Freiburg bis zum 16. August 2001 kostenlos besichtigt werden.

Der Deutsche Juristentag e.V. und die Bundesrechtsanwaltskammer wollen mit dieser Ausstellung an die Schicksale der von NS-Verfolgung betroffenen Anwälte und Anwältinnen und die diskriminierenden Maßnahmen erinnern, unter denen sie zu leiden hatten. Die Ausstellung macht den Verlust, den Ausgrenzung, Vertreibung und Mord bewirkt haben, beklemmend deutlich. Gleichzeitig gewähren die verschiedenen Lebensbilder dem Betrachter einen neuen Einblick in die zeithistorischen Ereignisse.

Als Ende März 1933 die Nationalsozialisten gezielte Aktionen gegen jüdische Rechtsanwälte ankündigten, schenkten insbesondere die Betroffenen selbst dem kaum Beachtung. Mit dem inszenierten "Boykott" am 1. April 1933 mussten sie jedoch erkennen, dass sie einzeln angegriffen und aus dem gewachsenen Berufsstand ausgegrenzt werden sollten - gleichgültig wie sie sich selbst sahen und welche Leistungen sie für Deutschland erbracht hatten.

Von den 19.276 Anwälten und Anwältinnen in Deutschland Anfang 1933 waren ca. 4.000, also rund ein Fünftel, jüdischer Herkunft. Einem großen Teil von ihnen wurde schon 1933 die Zulassung entzogen. Mit Ausnahmeregelungen durften die übrigen noch weiterarbeiten, doch zumeist entzog man ihnen das Notariat. Das allgemeine Berufsverbot erging dann am 30. November 1938. Ab diesem Zeitpunkt wurden diejenigen, die nach der nationalsozialistischen Ideologie als Juden galten, für "verzichtbar" gehalten. Nur vereinzelt ließ der NS-Staat jüdische Anwälte noch als "Konsulenten" zu. Sie durften – ohne Robe, ab 1941 mit dem gelben Stern am Revers – nur eins: Die letzten Juden vor Gericht vertreten.

Die Ausstellung veranschaulicht anhand von Schautafeln die Lebenswege einzelner Anwälte. Es werden prominente, aber auch weniger bekannte Anwälte porträtiert. Der Freiburger Rechtsanwalt Michael Moos und Priv.Doz. Dr. Michael Kißener (Dozent am Institut für Geschichte der Universität Karlsruhe) forschten für die Wanderausstellung nach jüdischen Anwälten in der Gemeinde Freiburg (weitere Einzelheiten in der Beilage "Einladung zu der Ausstellung" unter ‚Hinweise’). Wie überall in Deutschland wurden auch im Oberlandesgerichtsbezirk Karlsruhe / Freiburg Anwälte und Anwältinnen aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen, weil sie nun nur noch als Juden galten – und nicht mehr als Kollegen oder Rechtsvertreter. Ihr Schicksal steht exemplarisch für unzählige andere.

Vielen jüdischen Anwälten gelang die Flucht ins Ausland, aber eine erhebliche Anzahl blieb in Deutschland, wo sie – schrittweise immer weiter entrechtet – ab 1941 der Tötungsmaschinerie ausgeliefert wurden.

Die Einzelbiographien vermitteln einen Eindruck der Persönlichkeit, weil sie den Ausgegrenzten in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen. So wird ein Leben in Würde gespiegelt, als ihnen alles, auch die Würde, genommen werden sollte.

Neben diesen biographischen Darstellungen vermitteln Übersichtstafeln den historischen Rahmen. Verschiedene, zum Teil einmalige Dokumente veranschaulichen die Etappen, in denen die Ausgrenzung erfolgte. Namen und Schicksale werden somit vor dem Vergessen gerettet, durch die Fokussierung auf einen Berufsstand erhalten die Betrachter neue Einblicke in zeithistorische Ereignisse.

Die Wanderausstellung basiert auf der regional auf Berlin bezogenen Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933", veranstaltet von der Rechtsanwaltskammer Berlin und der Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum". Sie war vom 31. November 1998 bis zum 28. Februar 1999 im Centrum Judaicum ausgestellt.

Nun besteht in Freiburg knapp sechs Wochen Gelegenheit zur Besichtigung der überarbeiteten Ausstellung, die jetzt den Titel "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" trägt. Die Ausstellung wird am Montag, dem 9. Juli 2001, um 17.30 Uhr im I. OG des Oberlandesgerichts in Freiburg eröffnet.

Nach der Ausstellungseröffnung durch die Präsidenten des Oberlandesgerichts Karlsruhe / Freiburg, Herrn Dr. W. Münchbach, und der Rechtsanwaltskammer Freiburg, Herrn Rechtsanwalt Dr. M. Krenzler, folgen der Eröffnungsvortrag "Jüdische Kollegen – Die Badische Justiz und die NS-Judenverfolgung – Anpassung und Widerstand" des Karlsruher Priv.Doz. Dr. Michael Kißener sowie der Bericht "Jüdische Rechtsanwälte in Freiburg nach 1933" des Freiburger Rechtsanwalts M. Moos. Im Anschluss an die Eröffnung und einen kleinen Empfang besteht für die Gäste Gelegenheit, die Wanderausstellung im Oberlandesgericht zu besichtigen.

Nach der Eröffnung ist die Ausstellung bis zum Donnerstag, dem 16. August 2001, für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Eintritt ist kostenlos.

Öffnungszeiten der Ausstellung im Oberlandesgericht in Freiburg, I. OG (Salzstraße 28, 79098 Freiburg):

Montag – Freitag: 9.00 – 16.00 Uhr
Samstag / Sonntag: geschlossen

Weitere Einzelheiten und Informationen zu Gruppenführungen durch die Ausstellung erhalten Interessierte beim OLG Karlsruhe / Freiburg unter den Tel.-Nr.: 07 61 / 205–21 24 (Dr. Wilhelm Güde, Vorsitzender Richter am LG Freiburg), 205–30 23 und 205–30 33.

Darüber hinaus finden im Juli 2001 zum Themenkreis der Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" mehrere interessante Vortragsveranstaltungen im Oberlandesgericht in Freiburg statt (Nähere Einzelheiten und Terminübersicht in der Beilage "Einladung zu der Ausstellung" unter ‚Begleitende Veranstaltungen’).

Weitere Hinweise:

Im Anschluss an Freiburg folgen als 7. und 8. Station:

  • Nürnberg 20. August 2001 – 28. September 2001 Justizzentrum Nürnberg
  • München 04. Oktober 2001 – 02. November 2001 Justizpalast München


An München anschließend sind weitere deutsche Städte vorgesehen (u.a. Ravensburg, Celle, Hamburg, Bamberg, Erfurt, Stuttgart, Köln und Mainz), in denen die Wanderausstellung voraussichtlich bis zum Ende des Jahres 2002 Station machen wird. Hierfür laufen zur Zeit noch die Vorbereitungen.

Unter dem Titel "Anwalt ohne Recht – das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933" hat die Rechtsanwaltskammer Berlin 1998 ein Buch herausgegeben. Die Autorin ist Frau Dr. Simone Ladwig-Winters aus Berlin, die die Ausstellung konzeptioniert und koordiniert hat. Das Buch ist im be.bra-Verlag erschienen und im Buchhandel unter der ISBN-Nr. 3–930863–41–3 erhältlich (Verkaufspreis 59,90 DM).

Desweiteren besteht für interessierte Besucher die Möglichkeit, sich bereits vorab im Internet einen virtuellen Eindruck von der Wanderausstellung zu verschaffen. Unter http://www.brak.de/anwalt-ohne-recht werden neben exemplarischen Bildern, Exponaten und Texten u.a. ein virtueller Rundgang durch die Ausstellung sowie die bevorstehenden Ausstellungsorte und –termine einschließlich der jeweiligen Anfahrtsbeschreibungen angeboten.

Die Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" wurde ermöglicht und realisiert:

Veranstalter:
Deutscher Juristentag e.V. (DJT), Bonn (Adr. s.u.)
Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), Berlin (Adr. s.u.)
mit freundlicher Unterstützung durch den: Verlag Dr. Otto Schmidt (OVS), Köln
Titel und Gestaltung der Ausstellung mit freundlicher Genehmigung durch den: be.bra-Verlag, Berlin
Projektleitung: RA Dr. Andreas Nadler (DJT), Bonn
RA Stephan Göcken (BRAK), Berlin
Konzeption, Koordination, Recherche u. Texte: Dr. Simone Ladwig-Winters, Berlin
Koordination der Ausstellungswanderung: APEX - Anja Ostermann, Gevelsberg
Grafische Gestaltung (Ausstellung / Print): Hauke Sturm, Berlin
Webdesign: Tom-E-Design – Tom Weber, Bergisch Gladbach
Pressearbeit: Redaktionsbüro Robert Wieber, Lindlar
Regionale Veranstalter in Freiburg: Kommission für Menschenrechte des Vereins der Richter und Staatsanwälte und des Anwaltvereins Freiburg e.V.
Rechtsanwaltskammer Freiburg
Lokale Recherche, Aufarbeitung und Texte für Freiburg: Priv.Doz. Dr. Michael Kißener, Dozent am Institut für Geschichte der Universität Karlsruhe und Geschäftsführer der Forschungsstelle "Widerstand gegen den Nationalsozialismus im dt. Südwesten"
Rechtsanwalt Michael Moos, Freiburg

 

Pressekontakt

Rechtsanwältin Stephanie Beyrich
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Pressesprecherin

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