Presseinformation Nr. 9 vom 04. April 2002

"Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933"
12. Station der Wanderausstellung des Deutschen Juristentages und der Bundesrechtsanwaltskammer in Erfurt

Eröffnung durch den Thüringer Justizminister Dr. Andreas Birkmann am 5. April 2002 um 12.00 Uhr - Ausstellung in der Kleinen Synagoge bis zum 28. April 2002

Bundesrechtsanwaltskammer (Berlin) / Deutscher Juristentag e.V. ( Bonn), Erfurt. Der Justizminister von Thüringen, Dr. Andreas Birkmann, eröffnet heute um 12.00 Uhr die Wanderausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" im Landgericht Ravensburg. Die Ausstellung, die der Deutsche Juristentag e.V. und die Bundesrechtsanwaltskammer veranstalten, zeigt auf rund 20 Tafeln das Schicksal von Anwälten jüdischer Herkunft.

Regionaler Veranstalter in Erfurt ist die Rechtsanwaltskammer Thüringen. Nachdem die Wanderausstellung erstmals im Rahmen des 63. Deutschen Juristentages Ende September 2000 in Leipzig (an zwei Standorten) und anschließend in Heidelberg, Darmstadt, Bochum, Freiburg, Nürnberg (im Rahmen des 1. Europäischen Juristentages), München, Ravensburg, Hannover und Stuttgart gezeigt worden ist, kann sie nun in der 12. Station in Erfurt bis zum 28. April 2002 kostenlos besichtigt werden.

Der Deutsche Juristentag e.V. und die Bundesrechtsanwaltskammer wollen mit dieser Ausstellung an die Schicksale der von NS-Verfolgung betroffenen Anwälte und Anwältinnen und die diskriminierenden Maßnahmen erinnern, unter denen sie zu leiden hatten. Die Ausstellung macht den Verlust, den Ausgrenzung, Vertreibung und Mord bewirkt haben, beklemmend deutlich. Gleichzeitig gewähren die verschiedenen Lebensbilder dem Betrachter einen neuen Einblick in die zeithistorischen Ereignisse.

Als Ende März 1933 die Nationalsozialisten gezielte Aktionen gegen jüdische Rechtsanwälte ankündigten, schenkten insbesondere die Betroffenen selbst dem kaum Beachtung. Mit dem inszenierten "Boykott" am 1. April 1933 mussten sie jedoch erkennen, dass sie einzeln angegriffen und aus dem gewachsenen Berufsstand ausgegrenzt werden sollten - gleichgültig wie sie sich selbst sahen und welche Leistungen sie für Deutschland erbracht hatten.
Von den 19.276 Anwälten und Anwältinnen in Deutschland Anfang 1933 waren ca. 4.000, also rund ein Fünftel, jüdischer Herkunft. Einem großen Teil von ihnen wurde schon 1933 die Zulassung entzogen. Mit Ausnahmeregelungen durften die übrigen noch weiterarbeiten, doch zumeist entzog man ihnen das Notariat. Das allgemeine Berufsverbot erging dann am 30. November 1938. Ab diesem Zeitpunkt wurden diejenigen, die nach der nationalsozialistischen Ideologie als Juden galten, für "verzichtbar" gehalten.

Die Ausstellung veranschaulicht anhand von Schautafeln die Lebenswege einzelner Anwälte. Es werden prominente, aber auch weniger bekannte Anwälte porträtiert. Wie überall in Deutschland wurden auch in der Region der Rechtsanwaltskammer Thüringen Anwälte und Anwältinnen aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen, weil sie nun nur noch als Juden galten – und nicht mehr als Kollegen oder Rechtsvertreter. Ihr Schicksal steht exemplarisch für unzählige andere.

Vielen jüdischen Anwälten gelang die Flucht ins Ausland, aber eine erhebliche Anzahl blieb in Deutschland, wo sie – schrittweise immer weiter entrechtet – ab 1941 der Tötungsmaschinerie ausgeliefert wurden.

Die Einzelbiographien vermitteln einen Eindruck der Persönlichkeit, weil sie den Ausgegrenzten in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen. So wird ein Leben in Würde gespiegelt, als ihnen alles, auch die Würde, genommen werden sollte.

Neben diesen biographischen Darstellungen vermitteln Übersichtstafeln den historischen Rahmen. Verschiedene, zum Teil einmalige Dokumente veranschaulichen die Etappen, in denen die Ausgrenzung erfolgte. Namen und Schicksale werden somit vor dem Vergessen gerettet, durch die Fokussierung auf einen Berufsstand erhalten die Betrachter neue Einblicke in zeithistorische Ereignisse.

Die Wanderausstellung basiert auf der regional auf Berlin bezogenen Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933", veranstaltet von der Rechtsanwaltskammer Berlin und der Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum". Sie war vom 31. November 1998 bis zum 28. Februar 1999 im Centrum Judaicum ausgestellt.

Nun besteht in Erfurt drei Wochen Gelegenheit zur Besichtigung der überarbeiteten Ausstellung, die jetzt den Titel "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" trägt. Die Ausstellung wird am Freitag, dem 5. April 2002, um 12.00 Uhrin der Kleinen Synagoge in Erfurt eröffnet.

Die Eröffnungsansprache wird der Justizminister von Thüringen, Dr. Andreas Birkmann, halten. Anschließend folgen Grußworte durch den Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Erfurt, Manfred Ruge, sowie der Präsidentin des Landgerichts Erfurt, Renate Schwarz, denen ein Festvortrag durch den Abteilungsleiter des Stadtarchivs Eisenach, Dr. Reinhold Brunner, folgt. Im Anschluss an die Eröffnung besteht für die Gäste Gelegenheit, während eines kleinen Empfangs die Wanderausstellung in der Kleinen Synagoge zu besichtigen.
Nach der Eröffnung ist die Ausstellung bis zum 28. April 2002 für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Eintritt ist kostenlos.

Öffnungszeiten der Ausstellung in der Kleinen Synagoge in Erfurt (An der Stadtmünze 4, 99084 Erfurt:

Dienstag – Sonntag: 11.00 – 18.00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Einzelheiten und Informationen zu Gruppenführungen durch die Ausstellung erhalten Interessierte beim Stadtarchiv Eisenach unter der Tel.-Nr.: 03691 / 67 01 32 (Dr. Reinhold Brunner).

Weitere Hinweise:

Im Anschluss an Erfurt folgen als 12. und 13. Stationen:

  • Bamberg 19. Juni 2002 – 09. August 2002 Oberlandesgericht Bamberg
  • Schwerin 15. August 2002 – 27. September 2002 Amtsgericht Schwerin


An Schwerin anschließend sind weitere deutsche Städte vorgesehen (u.a. Bonn, Potsdam, Berlin, Hamburg, Aachen und Mainz), in denen die Wanderausstellung voraussichtlich bis Anfang des Jahres 2004 Station machen wird. Hierfür laufen zur Zeit noch die Vorbereitungen.

Unter dem Titel "Anwalt ohne Recht – das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933" hat die Rechtsanwaltskammer Berlin 1998 ein Buch herausgegeben. Die Autorin ist Frau Dr. Simone Ladwig-Winters aus Berlin, die die Ausstellung konzeptioniert und koordiniert hat. Das Buch ist im be.bra-Verlag erschienen und im Buchhandel unter der ISBN-Nr. 3–930863–41–3 erhältlich (Verkaufspreis 32,00 Euro bzw. 63,00 DM).

Desweiteren besteht für interessierte Besucher die Möglichkeit, sich bereits vorab im Internet einen virtuellen Eindruck von der Wanderausstellung zu verschaffen. Unter http://www.brak.de/anwalt-ohne-recht werden neben exemplarischen Bildern, Exponaten und Texten u.a. ein virtueller Rundgang durch die Ausstellung sowie die bevorstehenden Ausstellungsorte und –termine einschließlich der jeweiligen Anfahrtsbeschreibungen angeboten.

Die Ausstellung "Anwalt ohne Recht – Schicksale jüdischer Anwälte in Deutschland nach 1933" wurde ermöglicht und realisiert:

Veranstalter: Deutscher Juristentag e.V. (DJT), Bonn (Adr. s.u.)
Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), Berlin (Adr. s.u.)mit freundlicher Unterstützung durch den:
Verlag Dr. Otto Schmidt (OVS), Köln
Titel und Gestaltung der Ausstellung mit freundlicher Genehmigung durch den: be.bra-Verlag, Berlin
Projektleitung: RA Dr. Andreas Nadler (DJT), Bonn
RA Stephan Göcken (BRAK), Berlin
Konzeption, Koordination, Recherche u. Texte: Dr. Simone Ladwig-Winters, Berlin
Koordination der Ausstellungswanderung: APEX - Anja Ostermann, Gevelsberg
Grafische Gestaltung (Ausstellung / Print): Hauke Sturm, Berlin
Webdesign: Tom-E-Design – Tom Weber, Bergisch Gladbach
Pressearbeit: Redaktionsbüro Robert Wieber, Lindlar

Ansprechpartner für Rückfragen und nähere Informationen zur bundesweiten Wanderausstellung:
Rechtsanwalt Stephan Göcken, Bundesrechtsanwaltskammer-Geschäftsführer für Öffentlichkeitsarbeit
Littenstraße 9 · D - 10179 Berlin · Telefon (0 30) 28 49 39-19 · Telefax (0 30) 28 49 39-11 · E-Mail: [E-Mail-Adresse versteckt]

Ansprechpartner für Rückfragen und nähere Informationen zur Ausstellung in Erfurt:
Rechtsanwalt Dr. Axel Schmidt, Rechtsanwaltskammer Thüringen
Telefon (03 61) 340 82-0 · Telefax (03 61) 340 82-82

 

Pressekontakt

Rechtsanwältin Stephanie Beyrich
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Pressesprecherin

Bundesrechtsanwaltskammer
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