Der Preisträger 2018: Sefer Selvi

Im Jahr 2018 erhielt der türkische Karikaturist Sefer Selvi den Karikaturpreis der deutschen Anwaltschaft. Die Preisverleihung fand am 15.11.2018 in Berlin in der Humboldt-Box statt.

 

Zum Preisträger

Der Karikaturist Sefer Selvi

Am 6. Januar 2016 begrüßte die türkische Satirezeitschrift „LeMan“ das neue Jahr mit einer Titelzeichnung von Sefer Selvi. Das war ein halbes Jahre vor dem Putschversuch vom 15. Juli, und die Türkei erfreute sich noch eines der liberalsten Pressesysteme in Europa und einer Satiretradition, die keinen Respekt vor Fürstenthronen kannte. Selvis Titelblatt bewies es: Es zeigt eine Karikatur in bester Tradition – eine mustergültige Verzerrung der Gesichtszüge durch Aufschwemmung der Mundpartie, Abflachung der Nase und Verschattung der verkleinerten Augen durch eine wulstige, aber niedrige Stirn. Das Ganze ist auf eine winzige, am unteren Titelbildrand kaum noch wahrzunehmende Schulterpartie gesetzt, bei der aber die kleine Krawatte so eng festgezurrt ist, als ob sie es wäre, die diesen Riesenkopf aus dem Minirumpf herausgepresst hätte. Selvi zeichnete ein Karikaturenporträt des damals seit anderthalb Jahren im Amt befindlichen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor rotem Hintergrund, der Farbe der türkischen Flagge. Ein Schelm, der bei dem vom Gesicht gebildeten hellen Kreis auf rotem Grund an eine andere, eine historisch dubiose Fahne denkt, die im Zentrum noch ein schwarzes Attribut trug. Und schwarz ist auch der Blickfang im Zentrum von Selvis Karikatur: Ihr Clou nämlich ist Erdogans Bärtchen. Nun tritt der türkische Präsident in der Wirklichkeit stets glattrasiert auf.

 
Karikatur von Sefer Selvi, Titelblatt der LeMan

Aber in Selvis Zeichnung sitzt ihm direkt unter der Nase ein schwarzes Quadrat, das sich bei genauerem Hinsehen als aufgeklapptes Buch erweist, auf dessen Titelseite das Wort „Verfassung“ zu lesen ist. Wer in der Türkei oder sonstwo in der Welt würde bei diesem Porträt nicht an Hitler mit seiner charakteristischen Bartfliege denken? Und die Kritik am diktatorischen Führungsstil Erdogans war dann auch der Hintergrund der Karikatur zum Jahresanfang 2016: Seit seinem Amtsantritt hatte Erdogan immer wieder seinen Willen bekundet, die verfassungsmäßige Parlamentsdemokratie in der Türkei in eine Präsidialdemokratie zu verwandeln.

Das ist mittlerweile geschehen, und seitdem ist das Risiko für kritische Stimmen im Land noch gewachsen. Sefer Selvi, geboren 1964 in Sivas, ist eine solche kritische Stimme, eine der lautesten, obwohl er nie seine Stimme erhebt, sondern lediglich seinen Zeichenstift – für Publikationen wie „LeMan“ oder die Tageszeitung „Evrensel“. Aber dieser Stift ist eine scharfe Waffe, die sich auch unter den Bedingungen des nach dem 15. Juli 2016 verhängten Ausnahmezustands bewährte. Dessen Aufhebung zwei Jahre später hat die in der türkischen Verfassung garantierte Meinungsfreiheit pro forma wiederhergestellt. Aber erst die Arbeit von Menschen wie Sefer Selvi wird der De-facto-Prüfstein dafür sein. Der Karikaturenpreis der deutschen Anwaltschaft würdigt den Mut dieses Zeichners und sein Beharren auf den freiheitlichen Werten der türkischen Demokratie.

Andreas Platthaus

 
Meinungsfreiheit

Meinungsfreiheit, 2018, 27 × 19,7 cm, Tusche/Feder, Aquarell

 
 

Die Karikatur "Meinungsfreiheit", die Sefer Selvi anlässlich der Preisverleihung exklusiv für die Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) gezeichnet hat, ist als Kunstdruck (Format 500 x 600) in einer limitierten Auflage von 200 Stück bei der BRAK erhältlich. Das Werk ist von Sefer Selvi von Hand nummeriert und -signiert. Es kann für 195 Euro, zzgl. Versand und Verpackungskosten, bei der BRAK ([E-Mail-Adresse versteckt]) bestellt werden.

 
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