Zukunft der Anwaltschaft: Böse Thesen

Für Artenschutz ist es zu früh

Fatina Keilani

Ist der Anwaltsberuf bedroht, ja, ist die Anwaltschaft nicht regelrecht umzingelt von Gefahren? Wie geht es für sie weiter, und wie nicht? „Böse Thesen zur Zukunft der Anwaltschaft“, so lautete der Titel der diesjährigen Nationalen Konferenz der BRAK am 17.4.2018. Provokant sollten sie sein, die Thesen.

Sechs Redner präsentierten in kurzen Statements ihre Szenarien – und nach jedem wurde lebhaft diskutiert. Dabei zeigte sich: Die Bedrohungen für die Anwaltschaft kommen nicht nur von außen, sondern auch von innen. Von außen wirkt die Digitalisierung in vielfacher Weise beängstigend, etwa durch Rechtsportale („Scheidung24.de“) oder Rechtsberatungs-Flatrates, wie es sie in Großbritannien schon gibt, oder durch Algorithmen, die menschliche Fachleute zumindest teilweise entbehrlich machen.

Die Jungen sind risikoscheu und wollen leben
Von innen, weil die nachwachsende Generation mit anderen Prioritäten antritt. Die Work-Life-Balance muss bei den jungen Anwälten stimmen, und sie scheuen das Risiko. Partner werden gerne, aber persönlich haften? Nein. Anwalt werden gerne, aber bitte nicht selbstständig. „Da werden einige noch aufwachen müssen“, konstatierte der Gastgeber, BRAK-Präsident Ekkehard Schäfer. „Es kann nicht nur angestellte Anwälte geben.“ Nach einleitenden Worten des BRAK-Vizepräsidenten Dr. Thomas Remmers ging es los.

Rechtsberatung: Roboter können es besser
Der erste Redner Marco Klock rüttelte die Anwesenden wach. Klock betreibt von Bremen aus das Startup rightmart, das kostenlos Hartz-IV-Bescheide prüft und damit sehr erfolgreich ist. Durch die Technologisierung der Welt verändere sich auch die Rechtsberatung, sagte Klock.

„Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Chatbot die Fragen des Mandanten in einer kostenlosen Erstberatung nicht nur detaillierter stellen kann, sondern sie auch mit einem Ergebnis versehen kann, das viel genauer ist, als es der einzelne Rechtsanwalt kann.“ Der Chatbot könne einfach viel mehr Daten verarbeiten als ein Mensch. Klock kam zu dem Schluss, dass das Rechtsdienstleistungsgesetz angepasst werden muss – es sei eigentlich überflüssig und könne abgeschafft werden. Der Markt werde überschwemmt von unqualifizierter Rechtsberatung, aber qualifizierte Antworten durch Chatbots seien nicht zugelassen, das sei Unfug. Der Rechtsberatungsmarkt entwickle sich und werde am Ende von internationalen Playern beherrscht werden. Diese Aussicht begeisterte die deutschen Anwälte nicht.

Moderatorin Dr. Helene Bubrowski von der FAZ legte noch eins drauf: Sie berichtete von einem Experiment in Amerika, bei dem 20 erfahrene Wirtschaftsanwälte gegen einen Algorithmus antraten, um eine Verschwiegenheitsvereinbarung zu analysieren. Der Algorithmus gewann haushoch: Er brauchte 26 Sekunden, wo die Anwälte 92 Minuten benötigten, und erreichte 97 % bei der Richtigkeit, die Anwälte nur 85 %.

Frauen sind gut, werden aber von der Justiz abgeworben

Derart pessimistisch eingestimmt, folgten die Anwesenden nun den weiteren bösen Thesen. Frauen haben im Anwaltsberuf weiter schlechte Karten, stellte Ulrike Schultz von der Fernuni Hagen fest. Und Rechtsanwaltsfachangestellte will auch keiner mehr werden, bilanzierte der Dresdner
Rechtsanwalt Christoph Möllers, Mitglied im Berufsbildungsausschuss der BRAK. Anwälte sind unbeliebte Chefs, im Vergleich zu anderen Berufen
knausrig und bieten kaum Entwicklungsperspektiven, benannte Möllers drei wichtige Gründe dafür; die Digitalisierung und die Konkurrenz von Justiz und Unternehmens-Rechtsabteilungen um die Fachkräfte verstärken die Entwicklung. Wenn die Anwaltschaft so weitermache, drohe der Beruf der Rechtsanwaltfachangestellten auszusterben.

Was Frauen angeht, zeigte sich das Bild durchaus zweischneidig. Zwar haben sie es partiell schwerer, speziell etwa dabei, in Kanzleien Partnerin zu werden. Hier wirken, so Schultz, alte Geschlechterstereotype nach. Jedoch liegt das auch zum Teil an den Frauen selbst. Kaum locken Sicherheit und Freiheit eines Richteramts, wechseln sie in Scharen, berichtete etwa Martin Diller aus Stuttgart bedauernd: „Wir können die Konkurrenz der Justiz nicht schlagen“, sagte er.

 

Vom Land in die Stadt

Eghard Teichmann illustrierte am Beispiel der Kammer Celle, deren Vorstand er angehört, wie Landflucht den Zugang zum Recht gefährdet: Die Anwaltschaft verjüngt sich, die Jungen finden die Großstädte attraktiver und sind lieber dort tätig. Dass in der Fläche Gerichtsstandorte geschlossen werden, verstärke diese Tendenz, konstatierte Teichmann. Sind Prämien für Land-Anwälte die Lösung, ähnlich wie bei Ärzten? Das wurde im Anschluss angeregt diskutiert – und hieran knüpfte auch der letzte Impulsbeitrag wieder an. Überhaupt wurde in den Diskussionen an vielen Stellen deutlich, wie eng alle sechs Problemfelder miteinander verknüpft sind.

Ist fremdes Geld in Kanzleien doch nicht böse?

Der Hamburger Rechtsanwalt Rüdiger Ludwig vertrat die böse These Nummer fünf zur Fremdfinanzierung von Anwaltskanzleien. Er warf die Frage auf, ob § 27 BORA, der die Beteiligung Dritter am Gewinn einer Kanzlei verbietet, noch zeitgemäß ist oder ob er nicht vielmehr abgeschafft gehört. Ludwig sprach sich dafür aus, eine Beteiligung von Wirtschaftsunternehmen an Anwaltsfirmen zuzulassen, um deren Kapitalbedarf zu decken.

Natürlich könne man auch einen Kredit bei der Bank aufnehmen, doch sei dieser mit persönlicher Haftung verbunden. Die anwaltliche Unabhängigkeit, die der Gesetzgeber mit seinem Verbot schützen wollte, sei noch ganz anderen Bedrohungen ausgesetzt, etwa der Abhängigkeit von sehr großen Mandaten. Es spreche nichts dagegen, Anwaltsunternehmen gewinnorientiert zu führen. Einen zu großen Einfluss des Kapitalgebers könne man auch durch Compliance Management verhindern.

Das sahen beileibe nicht alle so. Michael Krenzler von der Kammer Freiburg entgegnete: „Die Deutsche Bank sagt mir nicht, ob ich ein Mandat annehmen muss oder nicht. Der Kapitalgeber, der an meinem Gewinn beteiligt ist, sagt mir: Ein Prozesskostenhilfemandat dürfen Sie nicht annehmen, weil es keinen Gewinn abwirft.“ Darin liege auch ein Konflikt zu den Pflichten des Anwalts als Organ der Rechtspflege.

Einzelanwälte in die Poliklinik

Wenn die Großen immer größer werden und perspektivisch auch noch fremdfinanziert, was wird dann aus dem Einzelanwalt? Als letzter Redner schwenkte der Berliner Anwalt Jörg G. Schumacher auf einen optimistischeren Kurs. Zum einen seien Einzelanwälte und Kleinkanzleien immer noch quantitativ dominierend auf dem Markt. Wer nicht als hochspezialisierte Boutique gut lebe, der könne sich im Sinne Darwins auch an die veränderten Bedingungen anpassen – als Zulieferer für die Großen.

Jan Büsing von der Bremer Kammer zog den Vergleich zu den Ärzten: Ärztehäuser und Polikliniken, die mehrere Spezialisten unter einem Dach versammeln, könnten auch für Anwälte ein Modell sein: ein Anwaltshaus als Gemeinschaft von Immobiliennutzern, die verschiedene Leistungen anbieten.

Am Ende jedenfalls, so Optimist Schumacher, sei es doch so, dass der Mandant für seine Entscheidungsfindung ein menschliches Gegenüber brauche, eine seriöse Persönlichkeit, einen guten Kommunikator, der die Informationsflut für ihn ordnet und ihm dadurch eine qualifizierte Entscheidung ermöglicht. Und das sei die Stunde seines Anwalts.

Heute wollen wir uns streiten…

… so hatte Moderatorin Helene Bubrowski das Ziel der Konferenz eingangs formuliert. Und gestritten wurde lebhaft, zu allen sechs Thesen. All das zeigt: Es gibt einiges zu tun für die Anwaltschaft, will sie ihre Zukunft selbst gestalten, hielt BRAK-Präsident Schäfer am Ende fest.
 

(Der Beitrag ist veröffentlicht im BRAK-Magazin, Heft 3/2018, S. 4, Autorin: Ass. iur. Fatina Keilani, Der Tagesspiegel, Berlin)

 

Dr. Helene Bubrowski und Ulrike Schultz in der Diskussionsrunde

 

Marco Klock in der Diskussionsrunde

 

angeregte Gespräche in der Pause der Diskussionsrunde

 

BRAK-Präsident Ekkehart Schäfer in der Diskussionsrunde

 

Graphic Recording der Vorträge und Diskussionen

 
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