Grußwort des Präsidenten der Bundesrechtsanwaltskammer Dr. Bernhard Dombek

Verleihung des Karikaturpreises der Deutschen Anwaltschaft an Gerhard Haderer am 7. September 2006 in Berlin

Sehr verehrte Frau Bundesjustizministerin Zypries,
sehr verehrte Frau Prof. Grütters,
sehr geehrter Herr Prof. Stölzl,
lieber Herr Haderer,
meine Damen und Herren,

derzeit wird viel diskutiert über Telefonüberwachung, Internetüberwachung, Videoüberwachung. Wir Anwälte beobachten diese Entwicklungen mit Aufmerksamkeit und mit Besorgnis. Wir befürchten, dass allzu leicht Bürgerrechte aufs Spiel gesetzt werden, deren Unantastbarkeit aus gutem Grund jahrzehntelang unumstritten war.

Eine ganz besondere Art der Überwachung aber sehen wir nicht nur gern, wir zeichnen sie sogar aus: Die Bundesrechtsanwaltskammer verleiht heute zum 5. Mal ihren Karikaturpreis der Deutschen Anwaltschaft. Und was sind Karikaturisten anderes als „Überwacher“ der Gesellschaft. Mit geschärftem Blick beobachten sie das Treiben der Menschen im Allgemeinen und im Besonderen. In ihrem Blickfeld stehen unsere großen und kleinen Schwächen. Anders als die Innenminister wollen sie dabei aber keine Informationen sammeln. Sie wollen vielmehr aufmerksam machen, Missstände aufzeigen und laut sagen, was nicht passt. Und – was uns Anwälte mit Ihnen verbindet – Partei nehmen, für die, die benachteiligt sind.

Alle unsere bisherigen Preisträger sind diesen Weg gegangen. Der Engländer Ronald Searle erhielt 1998 den ersten Karikaturpreis der deutschen Anwaltschaft. Er setzt sich in seinen Werken immer wieder mit dem Thema Menschenwürde auseinander. Er hat die Grausamkeiten des Krieges am eigenen Leib erfahren.

Der Franzose oder Elsässer, besser: Weltbürger Tomi Ungerer, Preisträger des Jahres 2000, setzt sich auf bildnerisch-philosophische Art und Weise mit der sogenannten großen Politik auseinander. Subtil und subversiv wirkt er mit seinen fröhlich-frechen und bitterbösen bis bitterernsten Zeichnungen.

Im Jahre 2002 haben wir den Karikaturpreis an den New Yorker Edward Sorel verliehen. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen amerikanischen Magazinen veröffentlicht.

Vor zwei Jahren haben wir den Preis erstmals einer Frau und erstmals einer Deutschen gegeben, Marie Marcks. Der Kampf der Geschlechter, Frauenemanzipation und Gleichberechtigung sind zentrale Themen ihrer Werke.

Die damalige Preisverleihung fand in Ihrem Hause statt, Frau Bundesministerin Zypries. Sie haben uns dadurch und dass Sie uns auch heute die Ehre geben, gezeigt, dass Sie unseren Karikaturpreis und seine Preisträger schätzen.

In diesem Jahr erhält der Österreicher Gerhard Haderer den Preis. Er hat als Karikaturist ein ganz besonderes Verhältnis zum Rechtssystem. Seine Zeichnungen haben ihn sogar schon vors Strafgericht gebracht.

Lieber Herr Haderer,

Sie erhalten Ihren Preis heute im Max-Liebermann-Haus, in einem der prominentesten Häuser Berlins, nach dem Fall der Mauer genau an der Stelle errichtet, wo Max Liebermann wohnte und arbeitete; einer der bekanntesten und beliebtesten Berliner Maler. Wir danken Ihnen, verehrte Frau Prof. Grütters, dass Sie uns dieses schöne Haus zur Verfügung gestellt haben.

Danken darf ich auch den Mitgliedern der Jury,
an erster Stelle Frau Dr. Vetter-Liebenow, die nachher auch zu uns sprechen wird,

  • Herrn Bartsch,
  • Herrn Guttmann,
  • Herrn Dr. Scharf und
  • Herrn Göcken


für ihr großes Engagement und dafür, dass sie einen Preisträger ausgesucht haben, der den Preis mehr ehrt, als der Preis ihn ehren kann.

Ich danke auch Ihnen, verehrter Herr Prof. Stölzl, Kultursenator unserer Stadt a. D., früherer Leiter des Deutschen Historischen Museums und jetziger Vizepräsident des Abgeordnetenhauses von Berlin, dafür, dass Sie unseren Preisträger ehren und nachher zu uns sprechen werden.

Alle Preisträger haben anlässlich der Preisverleihung ein Bild für die Bundesrechtsanwaltskammer gezeichnet. Als kleine Bilanz haben wir Ihnen diese Zeichnungen noch einmal mitgebracht. So unterschiedlich sie in ihrem Charakter und ihrer Technik auch sein mögen. Gemeinsam ist ihnen eins: Es geht um Recht und Gesetz auf der einen und um das Individuum auf der anderen Seite.

Lieber Herr Haderer, ich danke Ihnen namens der Bundesrechtsanwaltskammer sehr dafür, dass Sie den Preis angenommen haben. Die deutschen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die die Bundesrechtsanwaltskammer repräsentiert, fühlen sich dadurch sehr geehrt.

Die Zeichnung, die Sie uns anlässlich der Preisverleihung schenken, ist die erste von allen Zeichnungen der Preisträger, die ganz eindeutig Rechtsanwälte zeigt.

Und da kommt der geübte Redner, der brav gelernt hat, immer von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten zu sprechen, sofort ins Stocken. Und er fragt sich und er fragt Sie, lieber Herr Haderer: Wo sind auf dem Bild die Rechtsanwältinnen? Wenn es in der Schlagzeile der uns auf der Zeichnung präsentierten Zeitung heißt, das Böse in der Welt sei ausgemerzt und wir sehen weit und breit keine Frauen, dann meint das doch nicht etwa, dass es keine Frauen mehr ... Man traut sich nicht, den Satz zu Ende zu sprechen, denn dieser Gedanke wäre geradezu absurd. Und wir denken natürlich sofort an Marie Marcks, die uns vor zwei Jahren keine böse, sondern eine ganz gute Frau Justitia vorgestellt hat, die gerade, weil sie Frau ist, der guten Gerechtigkeit etwas nachhilft.

Woran kann es sonst liegen, dass die Rechtsanwältinnen auf dem Bild nicht zu sehen sind? Sind sie vielleicht die Klügeren in unserer Zunft, die wissen, dass allein der Kampf gegen das Böse nicht ausreicht? Oder dass man (frau) Schlagzeilen nicht einfach glauben soll. Wahrscheinlich sitzen sie in ihren Kanzleien und haben sich schon eine lukrativere Tätigkeit ausgedacht, als ausgerechnet das Stricken. Oder sie stricken an etwas anderem, vielleicht an Netzwerken. Sinnkrisen gibt es eben nicht bei Anwältinnen, nur bei Anwälten.

Liebe Frau Zypries,

als ich das Bild das erste Mal gesehen habe, ist mir sofort eingefallen, dass unsere Haltung zum Rechtsanwaltsdienstleistungsgesetz auf dem Bild so klar und knapp ausgedrückt wird, wie wir es in langen Stellungnahmen nicht ausdrücken können. Man müsste nur die Schlagzeile auf der Zeitung ändern in „Rechtsdienstleistungsgesetz in Kraft getreten“.

Ich erlaube mir, Ihnen den ersten Druck des uns von Gerhard Haderer geschenkten Werks weiter zu schenken. Der Text auf der Zeitung ist natürlich der ursprüngliche. Der richtige. Er möge sie daran erinnern, dass die Rechtsanwälte in Deutschland das Böse bekämpfen, wo auch immer es auftreten möge.

Ob das aber tatsächlich gut ist für die Rechtsanwälte? Wenn annähernd 100.000 männliche deutsche Rechtsanwälte das Böse bekämpfen, dann kann kein Zweifel daran bestehen, dass es tatsächlich bald ausgemerzt ist. Und was tun wir dann? Sollten wir daher schon einmal anfangen, das Stricken zu lernen? Aber das bringt ja auch nichts. Die Welt wird doch ohnehin immer wärmer. Wer soll denn das von 100.000 deutschen männlichen Rechtsanwälten gestrickte Zeug alles anziehen?

Liebe Frau Zypries,

Sie sehen, die Sinnkrise ist näher als wir alle denken. Ich bin natürlich nicht ganz sicher, ob Sie uns aus dieser Sinnkrise erlösen können. Dennoch sollen Sie jetzt erst den Druck mit der Nr. 1 und dann das Wort haben.

Vielen Dank.

 
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