Laudatio

Andreas Platthaus, Chef des Ressorts Literatur und literarisches Leben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Catherine Meurisse hat ein Herz für die Juristerei, aber ein Herz kann zwiespältige Gefühle hegen und erzeugen, wie dieses Bild zeigt. Ist die Liebe der dargestellten Robenbesitzerin zu ihrem Beruf und seinen Insignien größer als die zum eigenen Kind? Ist die Liebe unserer Preisträgerin zur Justiz eine aus Achtung oder eine aus Verachtung – also eine, die aus der Rolle als Bürgerin eines Rechtsstaats erwächst, oder eine, die sich der Zufriedenheit der Karikaturistin über leichte Beute für Spott verdankt? Wie Angehörige der Anwaltschaft nur zu gut wissen, gibt es immer zwei Seiten.

Auch bei meiner Würdigung. Ich könnte es mir leicht machen und um unsere Preisvergabe zu rechtfertigen nur auf eine einzige Arbeit aus Catherine Mueurisses nunmehr fast ein Vierteljahrhundert umfassender Publikationsgeschichte verweisen: ebenjene, aus der dieses Bild stammt, den 2014 erschienenen Band „La vie de Palais“ (Das Leben im Gerichtsgebäude), mit dem Untertitel „Il était une fois les avocats ...“ – es waren einmal die Rechtsanwälte. Darin wird am Beispiel einer in einer großen Kanzlei angestellten jungen Advokatin namens Jessica Chaillette der juristische Alltag am und abseits des Arbeitsplatzes ebenso amüsant wie süffisant erläutert. Etwa die gegenüber den Streitsummen und entsprechend in Rechnung gestellten Honoraren geringen Bezüge von einfachen Kanzleibeschäftigten. Oder die immer noch überwiegend von Männern besetzten Spitzenpositionen in den großen Kanzleien, deren Inhaber bewundert werden für die Arbeit, die tatsächlich doch ihre Untergebenen für sie leisten. Oder das verbreitete Phänomen der immergleichen Fragen von Nichtjuristen nach moralischen Ambivalenzen im Beruf – was aber immer noch besser ist als ein Beisammensein mit Nichtjuristen, die ständig neue Fragen stellen, bei denen sie auf kostenlose kompetente Rechtsberatung hoffen. Wie schön doch mal ein Abend ohne andere Anwälte sei, bekommt Jessica auf dem letzten Bild zu hören. Ich wette, hier im Saal sähe die Reaktion auf eine solche Bemerkung ähnlich aus wie die ihre.

Der Band hat aber nicht im Sinn, die Anwaltschaft zu verspotten oder sich mit ihr zu solidarisieren, sondern das hehrere Ziel, das gesellschaftlich so bedeutende Segment der Justiz einem breiten Publikum nahezubringen. Inklusive deren Terminologie. Dafür kommt Bildhumor zum Einsatz: Catherine Meurisse illustriert in „La vie de Palais“ mittels jeweils eine Seite umfassender Comicepisoden wie dieser hier solche Fachbegriffe wie „Sicherheitsverwahrung“, „Unschuldsvermutung“, „Eid“ oder „Plädoyer“. Getreu dem von Albert Camus stammenden Motto des Bandes: „Mal nommer les choses, c’est ajouter aux malheurs du monde.“ Die Dinge falsch zu benennen heißt, zum Unglück der Welt beizutragen. Um die Dinge richtigzustellen, hat sie sich mit Richard Malka zusammengetan, einem der bekanntesten französischen Rechtsanwälte, der 2007 die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Prozess um den Abdruck der dänischen Mohammed-Karikaturen verteidigt hat. Deren damaliger Redaktion gehörte Catherine Meurisse bereits seit zwei Jahren an: als Pressezeichnerin, wie Karikaturisten in Frankreich genannt werden. Eine Bezeichnung, auf die Catherine Meurisse stolz ist.

Die Zusammenarbeit einer Journalistin und eines Rechtsanwalts an „La vie de Palais“ war wohlbedacht. Bereits auf dessen erster Textseite – ja, es gibt auch bildlose Seiten darin, aber die Zahl der gezeichneten überwiegt – lesen wir nämlich: „Journalisten, die beim Sprechen über die Justiz die zutreffenden Begriffe gebrauchen, sind (mit Ausnahme von Mitarbeitern der juristischen Fachpresse) selten.“ Nun bin ja auch ich ein Journalist, und zwar keiner, der für die juristische Fachpresse tätig wäre, also muss ich wohl aufpassen, was ich in dieser Laudatio so von mir gebe. Dementsprechend werde ich mich mehr den Bildern von Catherine Meurisse widmen als den Texten von Richard Malka, und deshalb will ich mich gar nicht weiter auf „La vie de Palais“ kaprizieren, um zu belegen, dass wir mit unserer Preisträgerin genau die richtige Person ausgewählt haben. Es gibt mehr als genug anderes zu zeigen. Die angesprochene zweite Seite von Catherine Meurisse. Und dann eine dritte, vierte . . . Damit mag es dann aber sein Bewenden haben, judex non calculat.

Die zweite Seite also: Hilfreich für die Preiswürdigkeit von Catherine Meurisse ist zweifellos ihre Herkunft. Frankreich muss man seit Honoré Daumiers Wirken nicht mehr nur als Vaterland der revolutionären Werte von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit betrachten, die seitdem weltweit gesetzliche Anerkennung, wenn auch nicht weltweite Durchsetzung erlangt haben, sondern auch als Heimat der Gerichtskarikatur. Kein Wunder, stand Daumier doch selbst oft genug vor dem Kadi, ging für seine Pressezeichnungen ins Gefängnis und verwendete einen Gutteil seiner Honorare auf Geldstrafen. Die Justiz aber zahlte ihm diesen Einsatz mit Zinsen zurück, denn sie bot ihm Szenerien und Physiognomien, die seitdem zum kollektiven Gedächtnis der Kunstgeschichte gehören. Und natürlich auch der Rechtsgeschichte. Wer wüsste denn heute noch vom Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof Frankreichs gegen die Seidenweber aus Lyon, die sich im April 1834 gegen die Regierung erhoben hatten, wenn nicht Daumier im Jahr danach zum Prozessauftakt seine Karikatur „Le Fantôme“ gezeichnet hätte, die den 1815 exekutierten napoleonischen Marschall Michel Ney als mahnenden Wiedergänger vor den Toren des Justizgebäudes zeigt?

Aber selbst Daumier, der sowohl seinen Aufstieg als auch seine heftigste Verfolgung als Karikaturist im Bürgerkönigreich Louis-Philippes von Orleans erlebte, hatte Vorläufer. Zum Beispiel Carle Vernet, der bereits 1816 „La toilette d’un clerc du procureur“ für einen Kupferstich zeichnete: die Vorbereitung eines Gerichtsdieners auf seinen Einsatz, indem er sich die Perücke pudern lässt. Hoher Anspruch des Dienstes an der Gerechtigkeit und ärmliche Wirklichkeit der realen Existenz ihres Sachwalters treten da wie eben auch schon in Meurisses Café-Gespräch deutlich zutage, und solche Diskrepanz zwischen dem schönen Schein robenbewehrter Richter und Anwälte und einer unschönen juristischen Praxis sollte sich zum Topos der französischen Gerichtskarikatur entwickeln – zur Illustration will ich einen Comic zeigen, den wir einer Zeichnerin verdanken, die von größtem Einfluss auf Catherine Meurisse war: Claire Bretécher. 1978 zeichnete sie für die Zeitschrift „Le Nouvel Obs“ auf fünf Seiten „Le procès de Redon“, eine fiktive Gerichtsreportage, in der die Leser alle Klischees des juristischen Verfahrens vorgeführt bekommen: auf dieser ersten Seite vom Prunk der Ausstaffierung des Vorsitzenden Richters (président du tribunal) über den Staatsanwalt, die Geschworenen, die  Angeklagten (in diesem Fall eine Dame, die ihrem Gatten mit der Nagelschere die Schädeldecke durchstoßen haben soll – Bretécher bleibt ihrem Ruf als feministische Autorin treu und präsentiert uns eine starke Frau) bis hin zur lethargischen Zeugin, die die Würde der Gerichts mit Kaugummikauen verletzt. Die letzten Bilder auf der dritten Seite dieser Geschichte jedoch – wir gehen dazu in Nahaufnahme – zeigen uns die Verteidigerin der Angeklagten in Aktion: mit einer Exaltiertheit, die wir auch bei Catherine Meurisses Jessica Chailette wiederfinden, obzwar die weniger ausgeschriebene, dafür jedoch umso bildmächtigere Worte in ihrem Plädoyer findet. Oder hier noch ein anderes Beispiel eines engagiert plädierenden Anwalts aus ihrer Zeichenfeder – in einem Gestus, den sie bei anderer Gelegenheit (der Bebilderung einer Fabel von Lafontaine) dem König der Tiere angedeihen lässt. Fast schon zu viel der Ehre für die Anwaltschaft. Aber auch nur „fast“.

Doch zurück zu Bretécher: Sie lässt ihren Comic mit Freispruch und einem derart mitreißenden Bild des daraus resultierenden allgemeinen Überschwangs im Gerichtssaal enden, dass wir bedauern sollten, unseren Preis vor ihrem Tod nicht auch an diese große Zeichnerin vergeben zu haben. Unglaublich, aber wahr: Der einzige Franzose, der den Karikaturpreis der deutschen Anwaltschaft vor Catherine Meurisse zugesprochen bekam, war 1998 Tomi Ungerer, dessen damals entstandene Preiszeichnung ich hier noch einmal zeige. „Es gibt kein Leben ohne Todesstrafe“ lautet deren ungerertypisch sardonischer Titel.

Dieses Motiv mag überleiten zu einer Zeichnung von Catherine Meurisse mit demselben Hauptdarsteller. Und damit sind wir zugleich bei einer Form der Justiz angelangt, die aufs Leben unserer Preisträgerin buchstäblich einschneidend gewirkt hat: die Selbstjustiz. Ich erwähnte den von französischen Islamverbänden angestrengten Prozess gegen „Charlie Hebdo“ wegen Mohammed-Karikaturen; er ging verloren für die Kläger, die Satirezeitschrift triumphierte, aber acht Jahre später, am 7. Januar 2015, drangen zwei Männer mit Kalaschnikows in die Pariser Redaktionsräume ein und ermordeten dort elf Menschen, darunter fünf Zeichnerkollegen von Catherine Meurisse, alles auch Freunde: Stéphane Charbonnier, Jean Cabut, Georges Wolinski, Philippe Honoré und Bernard Verlhac. Sie selbst überlebte, weil sie verspätet zur morgendlichen Reaktionssitzung kam; als sie vor dem Gebäude eintraf, hörte sie die Schüsse darin. Über den Prozess gegen die Helfer der später selbst auf der Flucht erschossenen Täter gibt es seit 2020 einen von Francois Boucq illustrierten Bericht von Yannick Haenel – auch in Frankreich darf während einer Verhandlung nicht fotografiert werden. „Janvier 2015 – Le procès“ ist das bislang jüngste Meisterstück der reichen französischen Gerichtsbildtradition, erschienen im Verlag von „Charlie Hebdo“, das sich nicht hat unterkriegen lassen. „Les échappés“ ist dem Verlagsnamen beigefügt – die Davongekommenen.

Eine davon war Catherine Meurisse – ihre dritte Seite. Wie man nach einem solchen Erlebnis weiterleben und weiter arbeiten kann, das erzählt Catherine Meurisse in ihrem Comic „La légèreté“ (Die Leichtigkeit), erschienen im Jahr nach dem Massaker in der rue Nicolas Appert. Dieses Buch zeigt, dass es neben der Gerechtigkeit, die ja nicht in der eigenen Hand liegt, sondern dem Staat vorbehalten ist, noch einen weiteren Weg zur Rückgewinnung des seelischen Gleichgewichts gibt: die Kunst. Catherine Meurisse findet im Rückblick auf ihr erstes Jahr als Davongekommene für uns unvergessliche Bilder, in denen für sie unvergessliche Bilder auftreten. Das sind einmal die traumatisierenden und traumbestimmenden Erinnerungen an den 7. Januar 2015, vor allem aber reale Bilder, Meisterwerke aus den Museen, die sie ihr Leben lang begleitet haben und nun im autobiographischen Comic zum Ausdruck ihrer Stimmungen werden: Bilder von Munch, von Rothko oder – als wichtigstes und tröstlichstes von allen und deshalb auf einer spektakulären Doppelseite inszeniert, die kein anderes Leben bietet als das Leuchten des Kunstwerks – Caravaggios „Wahrsagerin“ aus dem Louvre, ein Gemälde, das Catherine Meurisse schon als Kind fasziniert hat, wie man aus ihrem 2018 publizierten Band „Les grands espaces“, der auf Deutsch „Weites Land“ heißt, weiß. Darin zitiert sie ihre eigene doppelseitige Komposition aus der zwei Jahre älteren „Légèreté“ und bindet so die Lebens- mit der Überlebensgeschichten zusammen: „Les grands espaces“ bietet den Schlüssel zum Verständnis der Künstlerin Catherine Meurisse, die mittels ihrer Kunst den Schlüssel gefunden hat, mit dem sie sich aus dem Kerker der Albträume befreit hat. Auf den ersten beiden Seiten von „Les grands espaces“ hat das eine geniale, weil denkbar simple Darstellung gefunden, die seitdem Epoche gemacht hat: Die Künstlerin zeichnet sich hier selbst den Ausweg, der aus der Gegenwart hinausführt und in die sonnendurchflutete Charente ihrer Kindheit hinein. Wo sie in „La légèreté“ noch in die Wand gehen musste, öffnet sie sich im Nachfolgebuch eine Tür durch die Wand. Die Kunst als Befreierin: erst durch die geliebten Bilder anderer Künstler und schließlich durch die eigene Kunst, wenn der Comic sich über Raum und Zeit hinwegsetzt.

Und dann – die vierte Seite der Catherine Meurisse – ist da die Literatur. In „La légèreté“ spielt sie eine kleine, aber wichtige Rolle, Es ist vor allen anderen Künstlern Marcel Proust, den Catherine Meurisse als ihren „auxiliaire de vie“ bezeichnet, ihre „Lebenshilfe“, wie das die deutsche Übersetzung nennt, der ihr tatsächlich mit seinem Werk ins Leben zurückhilft, und nichts sonst hat dermaßen kontinuierlich ihr Leben begleitet wie die Proust-Lektüre, wie wir aus „Les grands espaces“ wissen. Schon die Eltern führten stets Proust im Munde, und Catherine und ihre Schwester lasen früh in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ja, „Les grands espaces“ beginnt sogar mit demselben Wort wie Prousts Romanzyklus: „Longtemps“ – lange Zeit. Kein Zufall.

Auch als Figur ihrer Comics ist der Schriftsteller Marcel Proust omnipräsent: neben den schon genannten Bänden natürlich auch in „Mes hommes de lettres“, dem 2008 erschienenen persönlichen Blick der Zeichnerin auf die Geschichte der französischen Literatur, dessen Frontispiz Proust als ein Mitglied ihres Favoritenquartetts zeigt – neben ihm zählen dazu noch Voltaire, Flaubert und Molière. Aber wie heißt es über den Einzigartigen unter den Vieren in „La légèreté“? „Wenn ich an Proust denke, reagieren normalerweise meine Haut, mein Kopf, mein Herz; ich mache mich auf eine Reise in sein Werk und in mich selbst. Denn Proust-Leser sind Leser ihrer selbst, ihres Innersten.“ Und so ist Proust bei Meurisse auch dort zu finden, wo er den üblichen Kategorien nach nicht erwartet würde: in „Le pont des arts“ nämlich, dem vier Jahre nach dem Literaturbuch herausgekommenen Band über die für Catherine Meurisse faszinierendsten Maler, und in „Humaine, trop humaine“, ihrer Zusammenstellung der für sie wichtigsten Philosophen aus dem Jahr 2022. Auf deren Umschlagbild sie sich selbst in der Pose von Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ inszeniert, auch das eine bereits in „Les grands espaces“ dokumentierte Kindheitsphantasie – wie überhaupt die Neugier von Catherine Meurisse auf die deutsche Kultur immens ist, was sich im Philosophenbuch daran zeigt, dass die deutschsprachige Gruppe mit Hannah Arendt, Gottlob Frege, Sigmund Freud, Martin Heidegger, Edmund Husserl, Immanuel Kant, Karl Marx, Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, den ich hier exemplarisch zeigen möchte, einen starken zweiten Platz nach den französischen Denkern belegt. Und nur der große Ästhetiker Hegel darf Meurisse dabei in die für sie so wichtige Welt des Museums begleiten.

Die Erläuterung dazu im Buch liest sich so: „Aus den Vorlesungen Hegels erstellt, besiegelt seine Ästhetik die Überlegenheit der Kunstschönheit gegenüber jeglicher Naturschönheit. Durch Verwandlung und Vergeistigung der Materie bringt die Kunst die Freiheit des Geistes hervor.“ Diese Fähigkeit würde Catherine Meurisse gewiss unterstreichen, doch die prinzipielle Überlegenheit des Kunst- gegenüber dem Naturschönen wird sie nicht anerkennen, wie man ja auch schon dem Gesichtsausdruck ihres gezeichneten Alter Egos beim Betrachten der gemalten deformierten Körper ablesen kann, die sich in dieser Comicepisode übrigens als Hegels eigene Werke erweisen, der sich als Kunsttheoretiker nun auch berufen fühlt, künstlerisch tätig zu werden, weil seiner Überzeugung nach noch die dümmste Idee eines Menschen höher einzuschätzen sei als welche Hervorbringung der Natur auch immer. „Tatsächlich eine dumme Idee“, kommentiert die Catherine Meurisse des Comics kühl. Und die Gemälde sprechen für sich (und gegen den Künstler), wie sie es auch in einer Zeichnung aus „Paris Match“ von 1965 tun, die ein anderes großes Vorbild von Catherine Meurisse gezeichnet hat: Sempé. Noch jemand aus Frankreich, der unseren Preis nicht erhalten hat.

Ich sprach von der Wertschätzung, die Catherine Meurisse dem Naturschönen entgegenbringt. Ihre eigenen Arbeiten zeigen einen immensen Respekt vor der Natur. Selbstverständlich in „Les grands espaces“, der sich primär ums Leben im Einklang mit ihr dreht und einen seiner Höhepunkte in der Inspiration durch eine Zeichnung von Fragonard findet, in deren Szenerie sich erst auf den zweiten Blick die kleine Catherine findet, ganz aufgegangen in der Landschaft. Oder die ähnlich konzipierte Auftaktseite zu „La jeune femme et la mer“, einem 2021 nach längerem Japan-Aufenthalt entstandenen Reisecomic, in dem die gerade angekommene gaijin von der überreichen Vegetation fast überschwemmt wird – was auf der Zeichnung zu dieser Seite des Albums noch eklatanter erscheint, weil die Sprechblase erst nachträglich beim Druck des Buches eingefügt wurde. Und in diesem Band findet sich neben anderem Japonimus auch die ganzseitige wortlose Komposition einer Seerosenkolonie, die bis ins verlaufene Blau des oberen Bildrands die floralen Vorbilder der japanischen Farbholzschnitte zitiert, etwa hier die eines Hiroshige.

Schönheit ist für Catherine Meurisse ersichtlich nicht teilbar zwischen Natur und Kunst. Wohl aber Hässlichkeit. Die ist menschlich, also künstlich, und die Justiz ist einer der Wege, ihrer Herr zu werden, die Hässlichkeit zurückzudrängen – zumindest sollte es so sein. Tatsächlich maßt sich die Justiz aber neben Urteilen über gesetzlich definierte Vergehen bisweilen auch Kunsturteile an, wie in „Mes hommes de lettres“ am Beispiel des Prozesses gegen Flauberts Roman „Madame Bovary“ spöttisch konstatiert wird. Und die Verteidigung der Freiheit, für die die Justiz doch geschaffen worden ist, wird nicht nur vernachlässigt, sondern bisweilen sogar konterkariert, wie diese Meurisse-Karikatur vom vergangenen Jahr beklagt, die nach den Einsätzen der umstrittenen französischen Polizei-Spezialeinheit Brav-M bei Massenprotesten gegen die Senkung des Rentenalters entstand: Erschütterung durch Zensur statt Gehirnerschütterung.

Catherine Meurisse hat sich in jüngerer Zeit wieder vermehrt auf Karikaturen verlegt, so etwa für die Vierteljahreszeitschrift „Zadig“, die nach einer philosophischen Erzählung Voltaires aus dem Jahr 1747 benannt ist. In deren Heften bestreitet Meurisse jeweils eine Doppelseite mit einer Zeichnung, etwa hier einer weiteren Caspar-David-Friedrich-Paraphrase zum „Mönch am Meer“. Das sind anders angelegte Arbeiten als die rauen Zeichnungen, die bis vor acht Jahren für „Charlie Hebdo“ entstanden sind und just in der Nachfolge zum Blutbad vom 7. Januar zu Hochform aufliefen, weil sich da Sarkasmus und Einfallsreichtum paarten – etwa mit der aufgegeilten Flamme des unbekannten Soldaten unter dem zum Gedenken an die Toten von „Charlie Hebdo“ transparentgeschmückten Arc de Triomphe, die ausruft: „Mir steht er gleich.“ Oder das in der ersten Ausgabe des Satiremagazins nach dem Massaker abgedruckte gezeichnete Gespräch zwischen einem der Täter und der in der Redaktion ermordeten Psychoanalytikerin Elsa Cayat, die ihm bescheinigt, ein miserabler Zeichner zu sein – triumphaler Galgenhumor einer davongekommenen Zeichnerin, die fünf brillante Kollegen verloren hat.

Das von der Preisträgerin für die Bundesrechtsanwaltskammer gezeichnete Motiv ist im Stil der aufwendigen „Zadig“-Karikaturen gehalten: ein Kommentar zum einklagbaren Umweltschutz, der nicht nur Frankreichs Justiz und Öffentlichkeit in jüngerer Zeit beschäftigt. Ein Blick in die Flure der Judikative – Innenansicht. Doch schließen möchte ich mit einer von Meurisses Arbeiten für „Zadig“, auf der die Außenansicht eines Justizpalastes zu sehen ist. Wie der kleine Mann vor der mächtigen Gerichtsfassade da die Akten der Anwälte durcheinanderwirbelt, das ist ein typischer Traum all der anderen kleinen Leute, denen die Kunstform der Karikatur zu einem der letzten Bereiche geworden ist, in dem sie sich den Großen gegenüber erhaben fühlen können: durch Gelächter, das schärfste Gericht auf Erden. Das ist die einzige Form von Selbstjustiz, die ich sehen möchte. Von Catherine Meurisse gerne auch häufiger als nur alle drei Monate. Dazu würde ich mich beglückwünschen.

Aber bis es so weit ist, félicitations à vous, Madame Meurisse.

rlin, 11.09.2024