BRAK-Mitt. 3/2022, S. 121

Der Präsident setzt Akzente

Dr. Ulrich Wessels

Denken Sie an Nachwuchs?

BRAK-Mitt. 3/2022, S. 121

Liebe Kolleginnen und Kollegen, nein – damit meine ich nicht etwa Ihre Familienplanung. Es geht um den Nachwuchs in den Kanzleien und es geht um die Anwaltschaft insgesamt.

Die Mitgliederzahlen der Rechtsanwaltskammern, die jedes Jahr von der BRAK in einer Statistik zusammengeführt werden, gingen zum Stichtag 1.1.2021 erstmals zurück, wenn auch nur um 0,1 %. Zum 1.1.2022 war erneut ein – minimaler – Rückgang um 0,004 % zu verzeichnen (genauer erläutern das Nitschke/Franke in diesem Heft). Auf den ersten Blick mag das nicht weiter aufregend aussehen. Die Zahl der Anwältinnen und Anwälte ist mit über 165.000 recht hoch und die Zuwächse flachten bereits in den letzten zehn Jahren ab. Doch ein genauerer Blick offenbart eine bedenkliche strukturelle Entwicklung für die gesamte Anwaltschaft – und letzten Endes auch für diejenigen, die anwaltliche Beratung benötigen.

Die Zahl der „klassischen“ Anwältinnen und Anwälte nimmt seit einigen Jahren deutlich ab, über alle Kammern hinweg um mehr als 5 %; das zeigt die Mitgliederstatistik der BRAK. Es findet eine Verschiebung statt, hin zur Zulassung als Syndikusanwältinnen und -anwälte bzw. zur Doppelzulassung. Was das für die flächendeckende Versorgung mit Rechtsrat bedeutet, bleibt noch zu eruieren.

In manchen Rechtsanwaltskammern steigen die Mitgliederzahlen weiterhin; in anderen ist die Mitgliederentwicklung jedoch besorgniserregend. Spitzenreiter ist Mecklenburg-Vorpommern, wo die Anwaltschaft bereits seit etwa zehn Jahren merklich schrumpft – und damit der Weg zur Anwältin oder zum Anwalt für immer mehr Rechtsuchende immer weiter wird.

Was hinter dieser Entwicklung steckt, hat eine Arbeitsgruppe aus den Präsidentinnen und Präsidenten der Rechtsanwaltskammern der neuen Bundesländer ergründet, unter anderem auf Basis einer unter ihren Mitgliedern durchgeführten Umfrage. Was sie herausfanden, gibt Anlass zur Besorgnis.

Die Anwaltschaft steht vor einigen Herausforderungen. Diese zeichnen sich im Osten bereits deutlicher ab, bestehen aber bundesweit. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, im Detail zu erläutern, welche Faktoren dabei zusammenspielen (s. für einen ersten Einblick Folge 66 des BRAK-Podcasts „(R)ECHT INTERESSANT!“, ausführlich werden Fuhrmann/Graßhoff in der kommenden Ausgabe der BRAK-Mitteilungen berichten), besonders signifikant ist aber ein Blick auf die Altersstruktur.

Sie führt absehbar zum weiteren Schrumpfen der Anwaltschaft. In Mecklenburg-Vorpommern z.B. ist etwa ein Drittel der Anwältinnen und Anwälte über 60 Jahre alt, scheidet also bald aus dem Berufsleben aus; gut die Hälfte ist über 55 Jahre alt. Die Altersgruppe bis Mitte 40 ist hingegen recht schwach vertreten und sie bleibt am kürzesten in der Anwaltschaft. Anwältin oder Anwalt ist für Jüngere also immer häufiger kein Beruf fürs Leben mehr, sondern lediglich eine Durchgangsstation.

Die Folge: Kanzleien schrumpfen oder schließen, weil sie keinen Nachwuchs finden. Und erschreckend viele haben der Umfrage zufolge gar nicht erst eine Nachfolge gesucht. Dabei läge hierin eine große Chance für junge Kolleginnen und Kollegen.

Auch die Justiz steht vor einer Pensionierungswelle: Rund 25 % aller Richterinnen und Richter gehen bis 2030 in den Ruhestand. Zugleich nimmt die Zahl der Jura-Absolventinnen und -Absolventen seit Jahren ab. So entsteht eine erhebliche Bedarfslücke – und über alle juristischen Berufe hinweg ein Konkurrenzkampf um den Nachwuchs.

Unser Beruf ist der schönste und facettenreichste der Welt. Nur: Das müssen wir jungen Juristinnen und Juristen auch vermitteln und ihnen einen Rahmen bieten, der es für sie attraktiv macht, Anwältin oder Anwalt zu werden und zu bleiben und auch eigene unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Die Ausbildung von Referendarinnen und Referendaren ist ein wichtiger Ansatzpunkt; aber auch im Studium bieten sich Möglichkeiten. Wir sitzen hier alle im selben Boot, liebe Kolleginnen und Kollegen. Es ist an der Zeit, an unseren Nachwuchs zu denken – und aktiv zu werden!

 

Ihr
Dr. Ulrich Wessels

 

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