Grußwort
Rede der Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, Dr. Stefanie Hubig, bei der 15. Verleihung des Karikaturpreises der deutschen Anwaltschaft am 09. September 2026 in Berlin.
Es gilt das gesprochene Wort!
Im Kabinett reden wir sehr regelmäßig über Bürokratieabbau, gerade erst wieder in Neuhardenberg. Fast immer geht es um dieselbe Frage: Brauchen wir dieses Gesetz oder jene Berichtspflicht eigentlich noch? Wo können wir aufräumen?
Konsequent zu Ende gedacht, könnten wir uns fragen: Was brauchen wir überhaupt noch? Brauchen wir Karikaturen?
Wenn wir heute Karikaturen feiern und Til Mette für seinen Humor auszeichnen – dann wird die Antwort mit jedem Lachen im Saal deutlicher:
Ja, wir brauchen Karikaturen.
Ich habe dafür drei Gründe.
Erstens: Karikaturen machen Kritik an Mächtigen möglich und führen sie auf ein Normalmaß zurück. Selbst die übermächtige Stasi konnte vieles kontrollieren – nicht aber den Humor. Zum Repertoire der Flüsterwitze, die 1989 kursierten, gehörte etwa der von der Sonne, die den Genossen Honecker morgens und mittags freundlich zurückgrüßte, ihm abends dann aber zurief: Leck mich am Ärmel, ich bin jetzt im Westen.
Auch der kriegführende Präsident Putin, der fast immer mit großem Pomp auftritt, bleibt von Spott nicht verschont: Jacques Tilly macht sich regelmäßig mit seinen Karnevalswagen über ihn lustig. Und wurde dafür vor wenigen Monaten von einem Moskauer Gericht zu vielen Jahren Haft verurteilt – in Abwesenheit, er lebt hoffentlich bester Laune weiter in Düsseldorf. Wahrscheinlich freut er sich schon auf die anstehende Karnevalssaison.
Wenn die Mächtigen vor einem Pappmaché-Putin zittern, zeigt sich darin, wie stark und auch wie mächtig der Humor sein kann.
Zweitens sind Karikaturen und Humor ein – häufig subtiles – Mittel des Protests. In Karnevalshochburgen weiß man das seit Jahrhunderten, in meiner Heimatstadt Mainz jedes Jahr aufs Neue.
Der Protest im Karneval richtete sich gegen die französischen Besatzer, bis heute tragen Karnevalisten deshalb Gardeuniformen auf ihren Wagen. Gerade das, was besonders seriös wirken soll, eignet sich eben besonders gut für einen Witz.
Die Mächtigen dieser Welt treten seit jeher eigentümlich humorlos auf – der Protest gegen sie bleibt bis heute bunt, laut, voller Augenzwinkern, bissig-witziger Sprüche, mit Bildern, die man nicht vergisst. Immer wieder mit erstaunlichem Erfolg.
Manchmal so erfolgreich, dass aus dem humorvollen Protest sogar eine treibende Kraft der Politik wird: In Italien führte Komiker Beppe Grillo seine Fünf-Sterne-Bewegung in eine Regierungskoalition. Volodymir Selenskyj karikierte erst als Schauspieler die Macht eines Präsidenten – und wurde dann selbst zu einem. In Deutschland schaffte es der Kabarettist Nico Semsrott ins Europaparlament, zusammen mit dem langjährigen Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn.
Karikaturisten sind eben auch politische Menschen. Ihr Werkzeug, die Welt zu verändern, ist der Humor.
Und drittens: Humor vermittelt die Wahrheit. Denn warum wirkt Humor so stark? Weil er starke Emotionen weckt und weil er eine besonders schöne Art ist, uns die Wahrheit zu sagen und den Spiegel vorzuhalten.
Auch das hat eine lange Tradition. Schon vor mehr als 2.000 Jahren sprach Horaz davon, dass man lachend die Wahrheit sagen solle – ridentem dicere verum. Karikaturen beherrschen genau diese Kunst. Mit einem Bild und einer Zeile bringen sie auf den Punkt, was wir alle spüren, aber nicht in Worte fassen können – und sie bringen uns im besten Falle dabei auch noch zum Lachen – oder im wirksamsten Falle bleibt einem das Lachen im Hals stecken.
Die Autorin des Dokumentarfilms „Was haben wir gelacht“ beschrieb es in einem Interview neulich so: Humor kann in Sekunden schaffen, wofür fünfstündige Reden im Bundestag nicht ausreichen.
Genau das gelingt Til Mette meisterhaft mit seinem trockenen Witz und großer Treffsicherheit. Er zeigt uns alle in unserem Irrglauben, mit unseren Wünschen, bei unseren kleinen Missgeschicken.
Man fühlt sich manchmal ertappt. Und ja, manchmal ist das auch unbequem. Gerade dann ist diese Wahrheit am wichtigsten auszusprechen, wenn sie wehtut.
Es ist ja kein Zufall, dass die Nationalsozialisten eher durch ihren stieren Ernst auffielen. Strenge und Humorlosigkeit sind das Markenzeichen der Diktatoren bis heute. Und sie tun alles dafür, dass Comedians oder Karikaturisten wenig zu lachen haben. Genau deshalb werden sie dort so dringend gebraucht, wo das Recht dem Unrecht weichen soll.
Aber nicht nur dort:
Auch unsere Demokratie braucht diesen Spiegel, braucht Menschen, die uns unsere blinden Flecken zeigen und dahin gehen, wo es uns wehtut – auch und gerade uns Politikerinnen und Politikern.
Kritisiert zu werden gehört zu unserer Jobbeschreibung und wir tun gut daran, das genau so zu empfinden. Und Kritik tut häufig weh – aber Karikaturen entschädigen, weil sie kunstvoll und manchmal eben auch augenzwinkernd sind. Und weil sie es einem ermöglichen, über sich selbst zu lachen.
Kunst darf anarchisch sein. Mit ihr lässt sich genau das sagen, wofür die politische Auseinandersetzung gerade keine – oder nicht die richtigen – Worte findet.
Und gerade weil Kunst und Karikaturen dahin gehen, wo es auch den Mächtigen wehtut, brauchen sie den vollen Schutz unseres Grundgesetzes.
Es war eine bewusste Entscheidung der Mütter und Väter unseres Grundgesetzes, die Kunstfreiheit so weit zu fassen. Und sie haben gut daran getan. Karikaturen dürfen provozieren, übertreiben, zuspitzen und Macht kritisch hinterfragen. Gerade deshalb sind sie für eine Demokratie so wichtig. Heute und in diesen Tagen mehr denn je!
Wenn ich also gefragt werde: Ist das Kunst oder kann das weg? Dann kenne ich die Antwort: Das bleibt.
Karikaturen bleiben, weil unsere Demokratie sie braucht, um sich selbst zu erkennen. Sie bleiben, weil unser Rechtsstaat stark genug ist, sie zu schützen – und weil wir klug genug sind, über sie zu lachen.