Nachrichten aus Berlin | Ausgabe 2/2026

BRAK-Podcast: Anwaltschaft unter Druck – und im Aufbruch und die Kunst, im Gespräch zu bleiben

Was hält den Rechtsstaat zusammen, wenn er von außen unter Druck gerät – und von innen infrage gestellt wird? Die neuen Folgen des BRAK-Podcasts „(R)ECHT INTERESSANT!“ und von „#MiR – Menschen im Rechtsstaat“ gehen dieser Frage aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln nach. Sie führen in einen türkischen Gerichtssaal, in dem Anwaltschaft zur Zielscheibe wird, in neue Formen juristischer Arbeit – und in ein Gespräch über Freiheit, Gewohnheit und die Kunst, miteinander im Gespräch zu bleiben.

21.01.2026 Newsletter

Dritter und letzter Prozesstag vor der Urteilsverkündung gegen den Vorstand der Istanbuler Rechtsanwaltskammer: Dr. Vera Hofmann, Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Berlin berichtet, direkt aus Silivri bei Istanbul von ihren Eindrücken.

Elf Vorstandsmitglieder stehen vor Gericht – in einem Verfahren, dessen Bedeutung nach übereinstimmender Einschätzung internationaler Beobachter:innen weit über individuelle Vorwürfe hinausgeht.

Plädoyers mit Wucht – ein Verfahren ohne Augenhöhe

Hofmann schildert einen langen, von Verteidigungsplädoyers geprägten Prozesstag. Viele Argumente wiederholen sich – und müssen sich wiederholen. Immer wieder wird betont, dass der gesamte Prozess illegitim sei und dass es keinerlei belastbare Anhaltspunkte für den erhobenen Vorwurf der Terrorunterstützung gebe. „Das Recht wird hier als Gewalt gegen die Anwaltschaft eingesetzt.“ Diese Aussage habe im Gerichtssaal spürbare Wirkung entfaltet. Der riesige Gerichtssaal habe  diesen Eindruck noch verstärkt: überdimensioniert, nahezu leer, die Richterbank weit entfernt.

„Man kann keine Mimik erkennen – geschweige denn Reaktionen“, berichtet Hofmann. Nähe, Dialog, Augenhöhe: Fehlanzeige.

Gespräch im Generalkonsulat

Neben der Prozessbeobachtung berichtet Hofmann auch von einem ausführlichen Austausch im deutschen Generalkonsulat. Das Gespräch sei ungewöhnlich offen gewesen. Die Sorge um den Zustand der türkischen Justiz werde dort deutlich geteilt. „Istanbul von vor zehn Jahren ist nicht mehr das Istanbul von heute“, lautet eine nüchterne, aber alarmierende Einschätzung.


Unerwarteter Freispruch am vierten Prozesstag

Mit dieser Wendung hatten die meisten nicht gerechnet: Am vierten Prozesstag wird der gesamte Vorstand der Istanbuler Rechtsanwaltskammer freigesprochen. In einer weiteren Podcastfolge berichtet André Haug, Vizepräsident der BRAK, über das Urteil, das nach Tagen angespannter Erwartung wie ein Bruch mit dem bislang angenommenen Verlauf wirkt.

Die Verkündung selbst ist kurz – die Reaktionen im Saal dagegen umso intensiver. Erleichterung, Freude, auch Erschöpfung machen sich breit. Für zahlreiche Beteiligte endet eine Zeit massiver Bedrohung, die weit über den beruflichen Kontext hinausging. Haug hebt besonders den geschlossenen Auftritt der türkischen Anwaltschaft hervor: Viele Kolleg:innen bekannten sich öffentlich zur Kammerführung – trotz persönlicher Risiken. Die Haltung dahinter: „Hier bin ich.“

Warum internationale Beobachtung zählt

Der Freispruch in erster Instanz gilt als außergewöhnlich. Gleichzeitig wirft er neue Fragen auf: nach den Motiven des Verfahrens, nach möglichen weiteren rechtlichen Schritten und nach dem größeren politischen Kontext. Fest steht jedoch: Die türkische Anwaltschaft hat ein deutliches Zeichen gesetzt. Europäische und internationale Anwaltsorganisationen zeigten sichtbare Solidarität – und werden diese Unterstützung auch bei einer möglichen Fortsetzung des Verfahrens aufrechterhalten.


Rechtsberatung neu gedacht – ein Blick in die Zukunft

Einen Kontrapunkt setzt die dritte neue Podcastfolge mit Dr. Alexander Deicke. Als Projektjurist und Interimsmanager steht er für flexible Rechtsberatung jenseits klassischer Kanzleistrukturen.

Deicke erläutert, warum externe Rechtsabteilungen und projektbasierte Einsätze Unternehmen neue Handlungsspielräume eröffnen. Die aktive Nutzung der Arbeitnehmerüberlassung im Anwaltsbereich sorgt dabei für besondere Aufmerksamkeit.

KI bleibt – und verändert alles

Auch der Blick nach vorn kommt nicht zu kurz. Der AI Act, so Deicke, werde ganze Branchen umkrempeln. „Es wird Bereiche geben, in denen KI ähnlich disruptiv wirkt wie das Handy.“ Für Jurist:innen bedeutet das: frühes Verständnis, strategische Beratung und weniger Angst vor Veränderung.

Abgerundet wird das Gespräch durch persönliche Einblicke – bis hin zum legendären Schweinesessel in seinem Arbeitszimmer, Sinnbild für einen unkonventionellen Zugang zum Beruf.


„Die stärkste Waffe ist das Gespräch.“

Und last but not least : Für eine neue Folge von „#MiR – Menschen im Rechtsstaat“ hat Stephanie Beyrich den Comedian Ingmar Stadelmann eingeladen. Herausgekommen ist ein Gespräch über Freiheit, Verantwortung und die schleichenden Gefahren für den Rechtsstaat.

Stadelmann beschreibt den Rechtsstaat als etwas, das für viele längst zur Gewohnheit geworden ist. Rechte, Verfahren und Sicherheiten sind „einfach da“ – bis sie plötzlich fehlen. Gerade deshalb hält er es für entscheidend, sich immer wieder bewusst zu machen, was das Grundgesetz schützt und warum diese Schutzmechanismen so wertvoll sind.

Im Fokus stehen aktuelle gesellschaftliche Debatten: Asyl, Migration, Bürokratie, politische Radikalisierung. Dabei geht es Stadelmann immer wieder um den Einzelnen – um Wahrnehmung, Verantwortung und die Frage, wie viel Freiheit wir bereit sind, für vermeintliche Sicherheit aufzugeben.

Entpolitisierung des Alltags

„Die stärkste Waffe ist das Gespräch.“ Ingmar Stadelmann findet: Wir sollten es uns wieder erlauben, nicht alles zu politisieren. Nicht jede Meinungsverschiedenheit muss gleich eskalieren. Stattdessen plädiert er für mehr Gelassenheit und dafür, im Gespräch zu bleiben – auch mit Menschen, die anders denken. Denn nur wo es soziale Bindung gibt, werden Argumente überhaupt noch gehört. Demokratie lebt vom Austausch. Und der beginnt oft ganz banal: beim Reden miteinander.


Internationaler Einsatz, beruflicher Aufbruch und gesellschaftlicher Dialog: Die neuen Podcastfolgen erinnern daran, dass Rechtsstaatlichkeit verteidigt, gestaltet – und immer wieder neu erklärt werden muss. Nicht zuletzt im Gespräch miteinander. drei Perspektiven: Anwaltschaft zwischen Rechtsstaatsschutz und Zukunftsgestaltung. Jetzt reinhören.

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