Mit der Prozessordnung gegen den Terror – zum 88. Todestag von Hans Litten
Er konfrontierte Hitler vor Gericht mit dessen eigenen Widersprüchen – und bezahlte seinen Mut mit einem jahrelangen Martyrium in Konzentrationslagern. Hans Litten bleibt ein Maßstab für anwaltliche Zivilcourage und den Einsatz für den Rechtsstaat.
Hans Litten, 1903 in Halle an der Saale geboren, entstammte einem bildungsbürgerlichen Elternhaus, wandte sich aber früh den Ausgegrenzten und politisch Verfolgten zu. Nach glänzenden Examina entschied er sich bewusst gegen eine Karriere in der staatlichen Justiz oder eine große Sozietät und ließ sich 1928 in Berlin mit dem Anwalt Ludwig Barbasch nieder, der der „Roten Hilfe“ verbunden war. Dort verteidigte Litten vor allem Arbeiter, politische Aktivisten und Opfer von Polizeiübergriffen und faschistischen Gewaltakten und machte mit akkurater und sauberer Beweisführung die politische Dimension dieser Verfahren deutlich.
Die Demontage der „Legalitätsstrategie“
Der wohl folgenreichste Moment seiner Karriere war die Befragung Adolf Hitlers im Mai 1931 im sogenannten Edenpalast-Prozess vor dem Kriminalgericht Berlin-Moabit. Litten legte dar, dass die NSDAP die legalen Wege nur zum Schein nutzte, während sie im Hintergrund auf Umsturz und Gewalt setzte.
Als Vertreter der Nebenklage ließ er Adolf Hitler als Zeugen aufrufen und konfrontierte ihn mit Zitaten und Programmschriften der NSDAP – wie etwa aus Goebbels’ Schrift „Der Nazi-Sozi“. In stundenlanger Vernehmung trieb Litten Hitler in Widersprüche zu seinem „Legalitätseid“.
Im Gerichtssaal wurde Hitler so wütend, dass er die Kontrolle verlor. Und Littens geschickte Fragetechnik hatte bewiesen: Die Bewegung war nicht legal, auch wenn sie das behauptete. Mit diesem Erfolg stellte Litten jedoch zugleich sein eigenes Todesurteil aus: Die Nationalsozialisten vergaßen die öffentliche Demütigung ihres späteren Diktators nicht.
Systematische Verfolgung
In der Nacht nach dem Reichstagsbrand, am 28.2.1933, wurde Hans Litten verhaftet und in „Schutzhaft“ genommen – ohne je in einem regulären Strafverfahren angeklagt zu werden. Es folgte ein fünfjähriger Leidensweg durch Gefängnisse und Konzentrationslager: Sonnenburg, Brandenburg, Esterwegen, Lichtenburg, Buchenwald und schließlich Dachau. Folter, Misshandlungen und Demütigungen zeichneten seinen Körper schwer; ein Bein blieb steif, ein Auge und sein Gehör wurden dauerhaft verletzt. Dennoch hielt Litten in den Lagern Vorträge über Literatur und Musik, arbeitete in der Lagerbibliothek und blieb so – im denkbar feindlichen Umfeld – Anwalt der Vernunft und der Menschenwürde.
Bleibendes Vorbild für die Anwaltschaft
Am 5.2.1938 nahm sich Hans Litten im KZ Dachau das Leben; seine Mitgefangenen fanden ihn am Morgen erhängt auf. Vergeblich hatte seine Mutter Irmgard Litten jahrelang bei höchsten Vertretern des Regimes und im Ausland für seine Freilassung geworben – kein Gnadengesuch wurde erhört.
Heute erinnern die Littenstraße in Berlin, das Hans-Litten-Haus der Bundesrechtsanwaltskammer, Gedenktafeln, Stolpersteine und Schulen an den Anwalt, der mit juristischer Schärfe und persönlicher Konsequenz gegen den Faschismus kämpfte. Für Anwältinnen und Anwälte bleibt Litten ein bleibendes Vorbild: für einen Beruf, der sich nicht in der Verwaltung von Fällen erschöpft, sondern dort Haltung zeigt, wo Recht und Freiheit bedroht sind.
Weiterführende Links:
- Informationen über Hans Litten auf der Website der BRAK
- Podcast "Von dem Anwalt, der Hitler bloßstellte" (über das Leben von Hans Litten)
- Malvahandi de Silva, BRAK-Magazin 1-2/2024, 25: Der mutige Mann, der Hitler bloßstellte
- Abraham u.a., BRAK-Magazin 1/2023, 15: Noch heute ein Vorbild: Hans Litten
- Trierweiler, BRAK-Magazin 2/2022, 6: Schülerinnen und Schüler auf den Spuren Hans Littens
- Symposium zum 80. Todestag von Hans Litten
Erstveröffentlichung: 04.02.2026