Als das Recht Hitler demaskierte: das Erbe von Hans Litten
Hans Litten wurde zum tödlichen Ziel eines totalitären Regimes, weil er etwas tat, was heute als Kernpflicht der Anwaltschaft gilt: Er blieb bedingungslos unabhängig. Geboren am 19.6.1903 in Halle an der Saale, erinnert sein Geburtstag an eine anwaltliche Praxis, die das geltende Recht ohne Rücksicht auf persönliche Risiken gegen den heraufziehenden Totalitarismus durchsetzte. Seine Biografie verdeutlicht eindringlich, wie entscheidend die handwerkliche Präzision im Umgang mit dem Prozessrecht für den Schutz bedrohter Mandanten ist.
Mit Paragrafen gegen politische Gewalt
Nach exzellenten Examina schlug Litten bewusst den Weg in die freie, politisch engagierte Anwaltschaft ein. In der Spätphase der Weimarer Republik vertrat er im Rahmen der Roten Hilfe vor allem Mandanten aus der Arbeiterschaft und Opfer politisch motivierter Straßengewalt. Littens Methodik war dabei strikt formalistisch: Statt im Gerichtssaal politische Reden zu halten, nutzte er die Strafprozessordnung, um durch präzise Beweisanträge und detaillierte Befragungen die organisierte Struktur hinter den vermeintlichen Einzeltaten der SA offenzulegen.
Der Wendepunkt seiner juristischen Laufbahn war der Edenpalast-Prozess im Mai 1931. Nach einem koordinierten Überfall eines SA-Trupps auf ein Berliner Tanzlokal vertrat Litten die verletzten Nebenkläger. Sein Ziel war es, die Behauptung der NSDAP-Führung zu widerlegen, die Partei agiere ausschließlich auf legalem Boden. Zu diesem Zweck erwirkte er die Vorladung von Adolf Hitler als Zeugen vor das Kriminalgericht Berlin-Moabit.
In einer mehrstündigen Vernehmung konfrontierte Litten den Parteichef mit internen Schriften und der Realität der SA-Rollkommandos. Durch diese gezielte Befragung deckte er den Widerspruch zwischen Hitlers öffentlichem „Legalitätseid“ und der tatsächlichen Gewaltpraxis der Bewegung auf. Hitler verlor im Zeugenstand die Beherrschung und attackierte den Anwalt verbal. Litten hatte damit die legalistische Fassade der Nationalsozialisten demontiert – ein juristischer Erfolg, der ihn nach der Machtübernahme 1933 zum primären Ziel des Regimes machte.
Ohne Anklage, ohne Gehör
Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wurde Litten inhaftiert. Ohne Anklage oder rechtliches Gehör verbrachte er die folgenden fünf Jahre in wechselnden Gefängnissen und Konzentrationslagern, darunter Sonnenburg, Lichtenburg und Dachau. Trotz schwerer körperlicher Folgen durch die Haftbedingungen und gezielte Misshandlungen versuchte Litten, innerhalb der Lagerstrukturen intellektuelle Räume aufrechtzuerhalten, bevor er im Februar 1938 im KZ Dachau verstarb.
Das Fundament von heute sichern
Die Biografie Littens zeigt, dass ein Rechtsstaat nur so lebendig ist wie die Menschen, die seine Prinzipien streitbar verteidigen. Vor diesem Hintergrund verdeutlicht die aktuelle rechtspolitische Initiative der Anwaltschaft eine besondere Tragweite. Die Bundesrechtsanwaltskammer hat auf ihrer 169. Hauptversammlung ein klares Zeichen gesetzt und sich einstimmig für die verfassungsrechtliche Absicherung des anwaltlichen Beistands ausgesprochen. Durch die Einführung eines neuen Artikels 19 Absatz 5 im Grundgesetz soll das Recht auf unabhängige rechtliche Hilfe für jedermann und in allen Lebenslagen konstitutionell verankert werden. Ziel ist es, die strukturellen Bedingungen für eine wirksame Verteidigung von Bürgerrechten dauerhaft zu garantieren. Ein funktionierender Rechtsstaat definiert sich schließlich über den effektiven und ungehinderten Zugang zu unabhängiger Justiz.
Weiterführende Links:
- Informationen über Hans Litten auf der Website der BRAK
- Rechtsstaat braucht Rückgrat – und eine unabhängige Anwaltschaft (Wessels, BRAK-Mitt. 2026, 91)
- Eröffnungsgrußwort am 24.3.2026 „Rechtsstaat braucht Rückgrat“ (Leonora Holling, BRAK)
- Presseerklärung Nr. 9/2025 v. 19.9.2025: Zugang zum Recht ins GG!
- Video zum Panel 1 von „Rechtsstaat braucht Rückgrat“: Art. 19 V GG - DER TALK | Symbolpolitik oder Sicherheitsnetz?
- Cetin, BRAK-Magazin 1/2026, 9: Recht gegen Unrecht: damals wie heute
- Malvahandi de Silva, BRAK-Magazin 1-2/2024, 25: Der mutige Mann, der Hitler bloßstellte
- Abraham u.a., BRAK-Magazin 1/2023, 15: Noch heute ein Vorbild: Hans Litten
- Trierweiler, BRAK-Magazin 2/2022, 6: Schülerinnen und Schüler auf den Spuren Hans Littens
- Podcast "Von dem Anwalt, der Hitler bloßstellte" (über das Leben von Hans Litten)
- Symposium zum 80. Todestag von Hans Litten